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Mehrere Lottokugeln sind vor einem schwarzen Hintergrund zu sehen. Symbolbild für Bremer Lottomillionär Oliver Intemann
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Vom Lottomillionär zum Erzählkünstler

Wie der Bremer Oliver Intemann im Lotto gewann, alles wieder verlor und am Ende sein wahres Talent entdeckte

1994 knackte der Bremer Oliver Intemann den Jackpot und wurde um fast 1,8 Millionen D-Mark reicher. Doch was wie ein Märchen begann, endete in einer harten Landung mit Privatinsolvenz und Notunterkunft. Seine Geschichte erzählte er damals in Talkshows und TV-Formaten. Wiederholt war der Bremer Lottomillionär auch in der Sparkasse Bremen zu Gast, um vor Publikum auf humorvolle Weise über sein Leben zu berichten. SPOT traf Bremens bekanntesten Ex-Millionär zum Interview, der erst alles verlieren musste, um sich selbst zu finden. Ein Gespräch über das große Glück und die Frage, was vom Leben übrig bleibt, wenn das Geld weg ist.


Frontalbild von Oliver Intemann
Oliver Intemann erzählt heute auf der Bühne seine wechselhafte Lebensgeschichte. Oliver Intemann

SPOT: Was ist es für ein Gefühl, wenn die eigenen Lottozahlen gezogen werden und man plötzlich Millionär ist?

Oliver Intemann: Der Lottogewinn 1994 hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. An dem Samstagabend saß ich zufällig live vorm Fernseher, als Karin Tietze-Ludwig, die Lottofee, die Zahlen gezogen hat. Nach den ersten drei gezogenen Zahlen bin ich hellhörig geworden. Es waren drei Zahlen genau hintereinander, die auch auf meinem Lottoschein waren: 31, 32, 33. Und dann zieht die tatsächlich eine Zahl nach der anderen.

Ich kann mich gar nicht mehr so richtig erinnern, was das für ein Gefühl war. Ich glaube, ich war einfach perplex. Es war kein großartiger Jubel, der da ausgebrochen ist. Ich bin nicht unter die Decke gesprungen. Ich habe im Videotext noch mal die Zahlen angeguckt. Und Frau Tietze-Ludwig hat sie noch mal vorgelesen, und dann habe ich gedacht: Okay, das stimmt jetzt wohl.

Viele sagen, sie würden als Erstes ihren Job kündigen. Haben Sie das auch gemacht?

Ich habe nach dem Lottogewinn noch ein Jahr weitergearbeitet. Habe aber dann doch den Job bei der Post hingeschmissen, mein Beamtentum abgegeben und mich darauf verlassen, dass das Geld mich irgendwie inspiriert, was Eigenständiges zu machen. Dank des Geldes konnte ich mich ausprobieren und gucken, wo es hinführt. Ich war dann Taxiunternehmer, Gastronom, machte eine Umschulung zum Informatiker und anderes mehr. Aber es hat nichts richtig funktioniert.

Berner Sennenhund auf einer Wiese
Hunde – erst die Berner Sennenhündin DJ, dann Podenco-Hündin Patty samt elf Welpen – brachten Glück und Beständigkeit in das Leben von Oliver Intemann. Oliver Intemann

Sie haben im Lauf der Zeit das ganze Geld wieder verloren?

Ich hab viel verschenkt an meine Familie, meine Ex-Freundinnen und deren Familien. Ich hab natürlich auch konsumiert und gekauft: Autos, viele Reisen, Wohnungseinrichtung und so was. 1999 habe ich im Oktober meine Berner Sennenhündin DJ angeschafft. Ich hatte sie mit nur zwei Wochen das erste Mal auf dem Arm. Und das war das Beste, was ich von dem Geld gekauft habe.

Im Jahr 2000 kam dann der Wendepunkt. Ich erlebte damals eine harte Trennung. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ziemlich pleite und musste dann meine ganzen Einrichtungsgegenstände, Elektrogeräte und was ich alles so hatte bei eBay verkaufen. Den ganzen Schrott. Ich hatte viel zu verkaufen. Und irgendwann hatte ich nichts mehr zu verkaufen. Das war 2005. Irgendwann war alles alle, und ich konnte auch keine Rechnung mehr bezahlen, kein Strom, kein Telefon.

Sie haben damals dennoch einen Bekanntheitsgrad erlangt, waren in der Presse und im Fernsehen.

Als letzte Möglichkeit, Anfang 2005, hab ich meine Glatze als Werbefläche bei eBay versteigert. Ich hab sie für 500 Euro 23 Tage lang an ein Braut- und Abendmodengeschäft aus Stuhr verkauft. Die Werbebotschaft wurde per Tattoofolie auf die Glatze übertragen, sodass es wie eine echte Tätowierung aussah.

Ex-Millionär Oliver Intemann steht mit einer tätowierten Glatze in der Bremer Sögestraße.
Nach dem Verlust des Geldes bot Oliver Intemann seine Glatze als Werbefläche an und wurde damit berühmt. Privat

Ich habe dann meinen Berner Sennenhund genommen, ein wunderschönes Tier, bin in die Stadt gefahren und hab mich dort rumgetrieben – überall, wo ein paar Leute waren. Ein Journalist der Bild-Zeitung entdeckte mich und brachte eine halbe Seite auf Seite 3 von mir. Das rief andere Medien auf den Plan wie „RTL Exclusiv“, Sat.1 Regional, ProSieben „taff“, Vox, dann Talkshows wie die „Aktuelle Schaubude“. Ich saß sogar zweimal bei Günther Jauch, außerdem bei Maischberger und Plasberg. Dort habe ich meine Geschichte erzählt.

Trotzdem mussten Sie irgendwann in eine Notunterkunft einziehen – vom Lotto-Millionär zum fast Obdachlosen.

2005 wurde ich geschieden und ich war am Boden. Ich hatte überhaupt keine Lust mehr, irgendwas zu machen. Ich saß in meinem Haus und habe Löcher in die Luft geguckt. Am Ende habe ich dieses Haus dann plus-minus-null verkauft. Ich bin dort raus, hatte meinen Rucksack, meinen Hund an der Leine und wusste gar nicht, wohin. Über Umwege bekam ich ein Zimmer in einer Notunterkunft. Ich hatte aber gar nicht realisiert, dass ich da mit Gestrauchelten, Alkoholikern und Drogenabhängigen zusammenwohnen würde.

Wie haben Sie diese schlimme Zeit überwunden?

Ich bin ein schicksalsgläubiger Mensch. Ich interessiere mich auch für Astrologie, die für mich vieles erklärt. Ich wollte immer viel im Leben. Aber wenn ich was erreicht hatte, ist es mir um die Ohren geflogen. Also der Wille reicht nicht aus im Leben. Das hab ich irgendwann erkannt und hab mich dann darauf verlassen, dass das Schicksal mich schon durch mein Leben leiten wird. Ich sage immer: Ist halt eh alles Schicksal.

Wätjens Schloss
Das märchenhafte Wätjens Schloss liegt mitten in Wätjens Park. Es wird privat bewohnt. Kristina Bumb

Aus der Notunterkunft bin ich auch so rausgekommen. Ich hab mir gesagt: Keine Hektik, es wird schon passieren. Die Notunterkunft war am Rand vom Wätjenspark, und ich bin mit meinem Hund dort immer spazieren gegangen. Im Wätjenspark gibt es ein Schloss. Über einen Kumpel habe ich von jemandem erfahren, der dort eine Wohngemeinschaft gründen wollte. Ich hab mich vorgestellt, und wir sind uns einig geworden. Und so bin ich 2009 aus der Notunterkunft ins Märchenschloss eingezogen.

Wie kamen Sie dazu, auf der Bühne Ihre Geschichte zu erzählen?

Ich arbeitete nach dem Umzug mehrere Jahre bei der Citypost. Aber meine zweite Hündin Patty starb. Ich hatte sie vor Jahren trächtig aus Spanien mitgebracht und ihr geholfen, hier ihre elf Welpen zur Welt zu bringen. DJ und Patty waren meine wirklich großen Lieben im Leben. Unter anderem weil ich Patty 2019 einschläfern lassen musste, bekam ich einen Burnout und war wieder an einem Wendepunkt in meinem Leben. Ich kam dann auf die Idee, meine Geschichte auf eigene Faust zu erzählen, nachdem Fernsehen und Presse nicht mehr bei mir anfragten – um so vielleicht auch ein bisschen Einnahmen zu haben. Ich bin als Erstes beim Schnürschuh Theater bei „Kunst gegen Bares“ aufgetreten, einer Kleinkunstbühne für Anfänger. Zwar habe ich nicht viel eingenommen, aber entdeckt, dass ich auf einer Bühne vor 100 Leuten stehen kann. Ich habe das noch ein paar Mal in anderer Form ausprobiert, und dann war für mich klar, dass ich auf eine Bühne muss.

Blick auf das Vegesacker Geschichtenhaus am Museumshaven
Im Vegesacker Geschichtenhaus fand Oliver Intemann eine Heimat und baute sein Bühnentalent aus. Geschichtenhaus Vegesack

Eines Tages klingelte mein Handy, das Jobcenter war am Apparat. Sie wussten, dass ich künstlerische Ambitionen hatte, und haben mich zum Vegesacker Geschichtenhaus geschickt. Ich habe dort mehrere Jahre Theaterrollen gespielt. Mittlerweile bin ich nicht mehr beim Geschichtenhaus, was leider selbst immer wieder auf der Kippe steht, habe aber eine feste Anstellung als Auslieferungsfahrer bei einem Getränkehandel. Nebenbei versuche ich, auf der Bühne zu stehen und meine Geschichte zu erzählen. So wie in der Sparkasse Bremen.

Was war die wichtigste Lektion, die Sie gelernt haben in diesen abenteuerlichen Jahren nach dem Lottogewinn?

Geld blendet. Nach dem Lottogewinn wurde ich arrogant und dachte, ich bin der dollste Hecht im Karpfenteich. Aber irgendwann hab ich gemerkt: Das Geld ist nur eine Mauer, hinter der man sich verstecken kann. Wenn es nicht mehr da ist, dann steht man da mit runtergelassenen Hosen und muss gucken, wie es weitergeht. Geld ist halt nicht alles im Leben. Mein Leben wurde erst interessant, als ich das Geld nicht mehr hatte.

Ich glaube, das Schicksal gibt mir den Weg vor. Ich muss ihn gehen und schauen, was passiert. Deswegen ist das Leben so interessant. Weil man immer Aufgaben kriegt und Menschen trifft, die einem beistehen oder denen man selber beistehen kann. Deswegen ist es auch nicht wichtig, ob man Geld hat oder nicht.

Weitere Informationen zu Oliver Intemann

Mehr über den Bremer Lottomillionär Oliver Intemann und seine sehenswerten Auftritte vor Publikum findet man bei Facebook und auf Youtube.

 

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Autorenbild Kristina Bumb

Von Kristina Lohmeyer-Bumb

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