
Weserburg Bremen zeigt „Edition S Press“: Wenn Gedichte hörbar werden
Mit Tonbändern, Audiokassetten, Videos und Werken von mehr als 50 internationalen Kunstschaffenden
Gedichte stehen normalerweise auf Papier. Bei der Edition S Press war das anders. Der experimentelle Verlag machte Stimmen, Klänge und Performances zum Bestandteil seiner Publikationen und entwickelte damit bereits seit den 1970er-Jahren neue Wege, Literatur und Kunst zu veröffentlichen. Wie ungewöhnlich diese Ideen waren und welche internationale Kunstszene sich rund um den Verlag entwickelte, zeigt nun die Weserburg, das Museum für moderne Kunst in Bremen.

Vom 12. September 2026 bis zum 29. August 2027 ist im Zentrum für Künstlerpublikationen die Ausstellung „Edition S Press. Gedichte, die man hören muss“ zu sehen. Präsentiert werden unter anderem Tonbänder, Audiokassetten, Videokassetten und Medienpakete sowie Klangwerke und poetische Performances.
Ein Verlag für Kunst, die nicht ins Bücherregal passt
Die 1970 gegründete Edition S Press gehörte Anfang der 1970er-Jahre international zu den ersten unabhängigen Kleinverlagen, die mit neuen audiovisuellen Publikationsformen experimentierten.
Der programmatische Satz „Gedichte, die man hören muss“ brachte die Idee auf den Punkt. Anstatt Kunst ausschließlich in klassischen Büchern oder Editionen zu veröffentlichen, setzte der Verlag unter anderem auf Ton- und Audiokassetten. Die Produktionen entstanden im Low-Budget- und Do-it-yourself-Bereich und wurden im Vergleich zu Originalkunstwerken zu niedrigen Preisen angeboten.
Dahinter steckte mehr als die Suche nach einem neuen Format: Kunst sollte potenziell für mehr Menschen zugänglich werden.
Über 80 Editionen zwischen Poesie, Performance und Klang

Mehr als 80 Editionen entstanden im Laufe der Verlagsgeschichte. Inhaltlich reicht das Spektrum von konkreter und auditiver Poesie bis zu Poetry-Performance.
Die Ausstellung zeichnet diese Entwicklung chronologisch nach. Dabei begegnen sich unterschiedliche künstlerische und politische Welten: Im amerikanischen Teil des Verlagsprogramms spielt etwa die Beat Poetry aus New York und San Francisco eine Rolle. Im Bereich der damaligen Sowjetunion stehen unter anderem Barackenpoesie und Aktionskunst aus dem Moskauer Underground im Mittelpunkt.
Diese Gegenüberstellung ist ein wichtiger Bestandteil der Schau. Viele der gezeigten Produktionen entstanden während des Kalten Krieges – in einer Zeit, in der sich Künstlerinnen und Künstler mit Macht, Krieg und gesellschaftlichen Konflikten auseinandersetzten. Die Weserburg beschreibt die Geschichte der Edition S Press deshalb auch als eine Geschichte von Widerstand und subversiven Strategien in poetischen und radikalen künstlerischen Arbeiten.
Stimmen internationaler Kunstgeschichte in Bremen

Zu hören und zu entdecken sind Arbeiten von mehr als 50 Künstlerinnen und Künstlern. Das Spektrum reicht von John Cage, Lawrence Ferlinghetti und Allen Ginsberg über Henri Chopin, Raoul Hausmann und Bernard Heidsieck bis zu Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Michael McClure oder Anne Waldman.
Akustische Werke und poetische Performances werden in der Ausstellung durch Audio- und Videoaufnahmen erlebbar gemacht. Ergänzend zeigt die Weserburg Programme, Plakate, Fotografien, Flyer und Presseausschnitte. Dadurch entsteht nicht nur ein Überblick über die einzelnen Arbeiten, sondern auch über das Umfeld, in dem diese ungewöhnlichen Publikationen entstanden und verbreitet wurden.
Ein eigener Bereich widmet sich außerdem der Geschichte des Verlags.
Von Wuppertal, Hattingen und München in die internationale Kunstszene
Gegründet wurde die Edition S Press 1970 von Nikolaus Einhorn, Axel Knipschild und Angela Köhler zunächst als Tonbandverlag. Für die US-amerikanischen Editionen waren später Michael Köhler und Wolfgang Mohrhenn verantwortlich, für die russischen Editionen die Herausgebenden Günter Hirt und Sascha Wonders, ein Alias von Georg Witte und Sabine Hänsgen.
Von den westdeutschen Standorten wie Hattingen, München und Wuppertal aus entwickelte sich ein internationales Netzwerk. 2005 stellte der Verlag seine Tätigkeit ein.
Kuratiert wird die Bremer Ausstellung von Sabine Hänsgen, Slawistin und Kultur- und Medienwissenschaftlerin sowie ehemalige Mitherausgeberin der Edition S Press. Damit wird die Geschichte des Verlags in der Weserburg auch aus einer Perspektive erzählt, die eng mit seiner Entstehung und Entwicklung verbunden ist.
Eine Ausstellung, die vor allem die Ohren öffnet
„Edition S Press. Gedichte, die man hören muss“ zeigt, wie früh Künstlerinnen, Künstler und Verlage nach Alternativen zum gedruckten Buch suchten. Tonträger wurden zum künstlerischen Medium, die Stimme zum Material und das Hören zu einem eigenen Zugang zur Poesie.
Gerade darin liegt der besondere Reiz der Ausstellung: Historische Kassetten und Tonbänder erscheinen heute wie Zeugnisse einer vergangenen Medientechnik. Die dahinterstehende Frage wirkt dagegen erstaunlich gegenwärtig – auf wie viele Arten können Texte, Stimmen und Kunst eigentlich veröffentlicht, geteilt und erlebt werden?
In der Weserburg bekommt diese Frage nun mitten in Bremen einen eigenen Resonanzraum.
„Edition S Press. Gedichte, die man hören muss“
Weserburg Museum für moderne Kunst, Zentrum für Künstlerpublikationen, Teerhof 20, 28199 Bremen
Laufzeit: 12. September 2026 bis 29. August 2027
Eröffnung: Freitag, 11. September 2026, 19 Uhr
Weitere Infos zur Ausstellung gibt es auf der Website des Museums Weserburg.
Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenspecials „Kunst in Bremen“. Sind Sie interessiert an mehr Artikeln dieser Art? Schauen Sie sich unsere Sammlung von Beiträgen rund ums Thema an.

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