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Martha Bull: Teil des Buchcovers Helenes Weg nach Amerika
Kellner Verlag

Martha Bull liest in der Stadtteilfiliale Lesum

„Helenes Weg nach Amerika“: Historischer Roman über Aufbruch, Flucht und ein neues Leben

Ein falscher Name, neun Tage auf hoher See und die ständige Angst, entdeckt zu werden: In Martha Bulls historischem Roman „Helenes Weg nach Amerika“ reist die 18-jährige Helene im Jahr 1890 als Franziska Wilkens von Bremerhaven nach New York. Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, liest die Bremer Autorin ab 18.30 Uhr in der Stadtteilfiliale Lesum aus ihrem Roman.

Von Bremerhaven über den Atlantik

Martha Bull: Buchcover Helenes Weg nach Amerika
Martha Bulls „Helenes Weg nach Amerika“ ist ein historisches Drama. Kellner Verlag

An Bord des Auswandererschiffes versucht Helene, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und herauszufinden, wie ihr neues Leben in Amerika aussehen könnte. Sie freundet sich mit der gleichaltrigen Imke an, die Deutschland ebenfalls nicht freiwillig verlassen hat. Gleichzeitig wirbt der Handwerker Karl um sie und schlägt ihr vor, mit ihm nach Kalifornien zu ziehen.

Doch während der neuntägigen Überfahrt geht es für Helene bald um mehr als die Frage, welchen Weg sie nach ihrer Ankunft einschlagen möchte. Ein Mensch verschwindet spurlos und sie gerät unter Verdacht. Über allem schwebt zudem die Gefahr, dass ihre wahre Identität auffliegt – und sie als Helene nach Deutschland zurückgebracht wird, wo ihr das Gefängnis droht.

Historischer Stoff mit aktuellem Bezug

Martha Bull wurde 1949 in Bonn geboren und studierte Geschichte, Politik und Deutsch. Nach ihrem Referendariat in Berlin zog sie 1979 nach Bremen. Hier arbeitete sie unter anderem in der Erwachsenenbildung und seit 1997 in der Kinderbibliothek im Viertel.

„Helenes Weg nach Amerika“ steht außerhalb ihrer Reihen um die Ermittlerinnen Frau Friese und Dörte Petersen. Der historische Roman verbindet Spannung mit einem Thema, das für Martha Bull bis heute aktuell ist: Was bringt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen – und wie fühlt es sich an, in einem fremden Land ganz neu anfangen zu müssen?


SPOT sprach mit der Autorin über die Entstehung von „Helenes Weg nach Amerika“, überraschende Erkenntnisse bei ihrer Recherche, die Aktualität von Flucht und Auswanderung sowie Lesungen im heimischen Wohnzimmer.

Frau Bull, „Helenes Weg nach Amerika“ gehört weder zur Reihe um Frau Friese noch zu den Dörte-Petersen-Romanen. Warum haben Sie sich für die Lesung gerade dieses Buch ausgesucht?

Helenes Weg nach Amerika: Porträt der Autorin Martha Bull
Die Bremer Autorin Martha Bull. privat

Martha Bull: Mein neuestes Buch ist ein Dörte-Petersen-Roman, „Das zweite Medaillon“. Ich hatte aber auch angeboten, aus „Helenes Weg nach Amerika“ zu lesen, und dafür hat man sich dann entschieden. Das finde ich im Prinzip auch schön, weil dieses Buch ein bisschen untergegangen ist, obwohl es ein sehr gutes Buch ist – da muss ich mich selbst einmal loben. Es steht außerhalb der beiden Serien. Zuerst habe ich die Serie mit Frau Friese geschrieben und jetzt die mit Dörte Petersen. „Helene“ ist ein Einzelstück, ein historischer Roman ohne Beziehung zu den anderen Büchern. Deshalb wollte ich ihn gerne noch einmal vorstellen.

Wie ist die Idee für diesen historischen Roman entstanden?

Das hatte im Grunde einen sehr einfachen politischen Grund. Meine Bücher haben immer einen Gegenwartsbezug. Frau Friese und Dörte Petersen äußern sich immer mal zu dem, was aktuell in der Welt passiert. Als der Ukrainekrieg begann, war ich gerade dabei, ein neues Buch zu planen. Mir war klar: Wenn der Gegenwartsbezug dazugehört und der Krieg ein so dominantes Thema ist, kann ich ihn nicht einfach herauslassen.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt aber völlig unsicher, welche Position ich dazu habe, und hätte darüber gar nichts schreiben können. Gleichzeitig wollte ich einen Krieg nicht einfach als kleinen Schlenker in einem Roman behandeln. Das wäre damals für mich völlig unmöglich gewesen.

Dann erinnerte ich mich daran, dass ich schon einmal zu einer Auswanderergeschichte recherchiert, das Projekt aber wieder weggelegt hatte. Also habe ich neu angefangen und einen historischen Roman geschrieben. Das war ein bisschen eine Flucht, weil mich die Gegenwart damals selbst überfordert hat. Ich wollte sie nicht in meine Bücher hineinnehmen, konnte sie aber auch nicht einfach weglassen.


„Flucht ist ein uraltes Menschheitsthema“


Gab es Ihre Hauptfigur Helene wirklich?

Helene selbst meines Wissens nicht. Ich habe im Archiv in Bremerhaven recherchiert und dort Namen gesucht. Ich meine, dass ich tatsächlich eine Franziska gefunden habe. Es gibt Frauen, deren Geschichten der Romanfigur sehr nahekommen.

Ich habe mir aber nicht eine einzelne Person herausgepickt. Interessant fand ich, dass es damals erstaunlich viele allein reisende junge Frauen gab. Das hatte mich überrascht. Manche fuhren zu Verwandten in die USA, andere reisten tatsächlich allein.

Für die damalige Zeit wirkt das ziemlich mutig.

Ja. Wobei ich denke, dass sie – ähnlich wie Helene – häufig nicht wirklich freiwillig gegangen sind. Ich glaube, die wenigsten Menschen gehen völlig freiwillig weg. Es gibt einen Grund: Vielleicht wurden sie zu Hause nicht satt, vielleicht hatten sie Schwierigkeiten oder beispielsweise Probleme wegen eines unehelichen Kindes. Ich habe mir die persönlichen Geschichten dieser Frauen nicht alle im Detail angesehen, aber ich fand es schon erstaunlich.

Der Wunsch, eine Auswanderergeschichte zu schreiben, war also schon länger da?

Ja. Ich fand das Thema schon vorher interessant, auch weil es unglaublich aktuell ist. Es geht um Flucht, um Fluchtgründe und vor allem um die Frage: Wenn ich in einem neuen Land ankomme, wie soll ich dort bestehen? Ich kann die Sprache nicht, kenne die Menschen und die Lebensumstände nicht. Ich komme vollkommen neu irgendwo an und habe keine Ahnung, was mich erwartet – damals natürlich erst recht ohne Internet und all die Möglichkeiten, die wir heute haben.

Diese Neugier auf der einen Seite und die unglaubliche Angst auf der anderen Seite finde ich spannend. Wir sind heute in der Situation, Menschen aufzunehmen, die zu uns kommen. Sie erleben im Grunde Ähnliches. Flucht ist ein uraltes Menschheitsthema.

Damit bekommen die Fragen, die sich Helene stellt, einen sehr aktuellen Bezug.

Ich denke, dass es im Grunde die gleichen Fragen sind, die sich heute Menschen stellen, die aus Afrika, Afghanistan oder anderen Regionen hierherkommen.

Wie Sie bereits erwähnten, ist inzwischen ein neuer Dörte-Petersen-Roman erschienen. Gehen Ihre Ermittlerinnen also noch lange nicht in den Ruhestand?

Zumindest jetzt noch nicht. Mit „Das zweite Medaillon“ gibt es einen weiteren Band. Ob danach noch einer kommt, weiß ich nicht. Ich schreibe immer im Herbst – und es ist noch nicht richtig Herbst.

Und Frau Friese hat sich mittlerweile etwas zurückgezogen?

Frau Friese ist abgeschlossen. Aber ich lasse sie – ein bisschen so, wie Hitchcock das gemacht hat – in jedem Dörte-Petersen-Band einmal auftauchen. Sie ist inzwischen eine gute Bekannte von Dörte und gibt immer einen Hinweis. Das finde ich ganz witzig. Wenn man später zurückdenkt, merkt man: Ach, das hat Frau Friese doch schon gesagt.

Neben klassischen Veranstaltungen bieten Sie auch Lesungen in privaten Räumen an. Wie kommt diese Idee an?

Ich wurde jetzt für zwei Termine gebucht. Die finden aber nicht direkt in Wohnzimmern statt. Es sind eher Lesekreise, die mich angesprochen haben. Ich schaue einmal, was noch passiert.

Ich habe tatsächlich schon einmal bei einer Frau gelesen, die gehbehindert ist, nicht mehr gut aus dem Haus kommt und im vierten Stock wohnt. Sie hat aber eine große Wohnung und einen großen Freundeskreis. Sie hat mich gebucht. Dort waren etwa zehn oder zwölf Menschen. Alle haben etwas zu essen mitgebracht, es gab Wein und Bier, und hinterher wurde noch gefeiert.

Das war eine tolle Situation, weil die Menschen wirklich wegen der Lesung gekommen waren. Das war natürlich eine besonders interessante Zuhörerschaft.

Genau solche Begegnungen machen also den Reiz dieser kleinen Lesungen aus?

Ja, ich finde das sehr spannend und würde das gerne noch häufiger machen. Ich finde die Organisation eigentlich gar nicht so kompliziert. Viele Menschen laden fünf, sechs oder acht Leute zu sich nach Hause ein – zu Festen, Geburtstagen oder anderen Gelegenheiten. Warum sollte man das nicht mit einer Lesung kombinieren?

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Autorenbild Linda Bussmann

Von Linda Bussmann

Ich bin eine waschechte Ostfriesin und überzeugte Norddeutsche. Vor vielen Jahren zog es mich in die Hansestadt. Bremen ist seitdem meine zweite Heimat geworden.

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