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Jonny Glut vor dem Yachthafen in Bremen
Sarah Meyer

Stadtteilköpfe: Im Gespräch mit Jonny Glut

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Interview mit dem Geschichtenerzähler und Bremer Urgestein

Es gibt besondere Menschen im Stadtteil. Sie fallen auf, weil sie sehr präsent sind, sich für etwas engagieren oder in der Nachbarschaft aktiv sind. Heute machen wir einen Abstecher ins Viertel und haben uns mit dem „Stadtteilkopf“ Jonny Glut getroffen.

Hubert Jebens – so heißt Jonny Glut mit bürgerlichem Namen – ist ein Musiker, Dichter und allem voran ein Geschichtenerzähler.


Wir wird man denn überhaupt zum Geschichtenerzähler, und kann man davon leben?

Jonny Glut: Früher habe ich mal Sozialpädagogik studiert und zudem eine Ausbildung zum Segelmacher gemacht. Allerdings wollte ich eigentlich ursprünglich Dichter werden, und in die Idee habe ich mich ein bisschen verbissen. Die Jonny-Glut-Karriere habe ich auch mit einer Geschichte angefangen. Entstanden ist das Ganze durch die Beatnik-Szene (Anm. der Red.: Subkultur der Beat-Generation) und Blaise Cendrars (Anm. der Red.: Schweizer Schriftsteller und Abenteurer). Irgendwann hatte ich mal den Anspruch, mit Geschichten von Kneipe zu Kneipe zu ziehen – das war aber echt ganz schön anstrengend. Und dazu kam dann irgendwann die Musik. Gitarre konnte ich schon immer ein bisschen spielen. Doch das kann ja fast jeder. Also habe ich noch das Akkordeon dazu geholt – das passt ja auch ganz gut. Und irgendwann hat das Publikum dann eine Erwartungshaltung und kennt dich als Musiker und nicht als Erzähler. Aber einfach so davon zu leben, ist schwierig.


„Bei jeder Kutterpflaume ist ein Song mit dabei.“


Was hat es mit den Kutterpflaumen auf sich, die du immer dabei hast?

Die Kutterpflaume von Jonny Glut
Zu jeder Kutterpflaume gibt es einen Song von Jonny Glut. AdNord/Sarah Meyer

Jonny Glut: Einer meiner bevorzugten Orte ist die Insel Spiekeroog. Dort verbringe ich viel Zeit. Und da gibt es um die Ecke von meinem Zeltplatz eine legendäre Kneipe – das Old Laramie. Den Wirt kenne ich mittlerweile schon eine halbe Ewigkeit … Er kam irgendwann mal an meinem Geburtstag zu mir und brachte mir ein Glas mit Meerpflaumen von seiner Oma – so hat er das zumindest gesagt. Das war auch nur irgendeine Geschichte. Aber die gefiel mir so gut, dass ich irgendwas damit machen wollte. Dann kam ich auf die Kutterpflaumen, nachdem ich lange rumexperimentiert habe. Früher habe ich die sogar in Handarbeit selbst in Eichenfässern mit Rum eingelegt. Mittlerweile habe ich aber jemanden, der das für mich macht. Bei jeder Kutterpflaume ist übrigens auch ein Song mit dabei – als QR-Code.

Jonny, dich gibt es alleine auf der Bühne oder mit anderen Musikern. Was ist dir lieber?

Jonny Glut: Das kommt ganz darauf an. Generell ist eine Band auf jeden Fall eine Luxusnummer. Aber zu manchen Events trommelt man sie dann alle zusammen. Die Band ist dann quasi das Sahnehäubchen. Ansonsten spiele ich gemeinsam mit Giesela Fischer, einer Akkordeonistin. Das macht immer viel Spaß – und sie ist eine sehr gute Kutterpflaumen-Verkäuferin. Ich mache aber auch gern mal alleine mein Ding. Dabei ist man einfach am freisten und kann spielen, was man will. Dafür sind die Hin- und Rückfahrten zu zweit oder mit mehreren einfach schöner. Es hat also alles sein Für und Wider.


„Die besten Ideen kommen, wenn man unterwegs ist.“


Jonny Glut vor dem Yachthafen an der Weser in Bremen
Jonny Glut wohnt nicht weit von der Weser im Bremer Viertel. AdNord/Sarah Meyer

Mit wem würdest du gern mal auf der Bühne stehen?  

Jonny Glut: Mit Bob Dylan natürlich! Er ist für mich einfach der größte Song-Poet, den es gibt. Die letzten Jahre gab es immer Mitte Januar ein Konzert im Schlupfwinkel in Rablinghausen. Das organisiert die Partnerin von Hannes Bauer, der dann auch mit dabei ist. Er ist unter anderem der Gitarrist von Udo Lindenberg. Das macht jedes Mal viel Spaß.

Wer oder was inspiriert dich zu all deinen Geschichten und Liedern?

Jonny Glut: Das Wesen des Musikers ist ja das Unterwegssein. Man ist auf Tour und reist von Auftritt zu Auftritt. Die besten Ideen kommen, wenn man unterwegs ist. Dann ist alles irgendwie in Schwung und in Fahrt. Ich habe ein Beispiel: Nach dem Mauerfall 1990 bin ich mit einem Freund nach Wismar, um einen gemeinsamen Kumpel zu besuchen. Da waren wir dann einen Abend in einer Kneipe. Irgendwann fiel dieser eine Satz … Irgendwas mit „Kabine im Herzen“ – und es hat direkt Klick gemacht. Daraus wurde später dann ein Song von mir, der mittlerweile schon fast so etwas wie ein Volkslied ist.

Auf der einen Seite ist das Reisen auf jeden Fall das Geniale am Musikerdasein. Auf der anderen Seite ist es aber auch so etwas wie eine Berufskrankheit. Man ist selten zu Hause und hat an den Wochenenden Auftritte – das ist nicht immer mit der Familie vereinbar und führt schnell zu Problemen. Doch selbst wenn man keine Familie hat, ist es nicht ganz einfach. Du stehst erst im Rampenlicht – und drei Stunden später sitzt du alleine im Hotelzimmer.


„Hier ist es schön ruhig, und die Weser ist direkt vor der Tür.“


Du bist gebürtiger Hamburger – wie man an deiner Art zu schnacken hört. Was ist für dich das Besondere an Bremen und am Viertel?

Eine ruhige Seitenstraße im Bremer Viertel
Eine ruhige Seitenstraße im Bremer Viertel – nicht weit von der Weser. Nadine Kupka

Jonny Glut: Ich bin damals mit 17 aus Hamburg weg. Da kam auch das ganze Segel-Thema her – wegen der Elbe. Studiert habe ich dann in Marburg, und später war ich noch lange in Baden-Württemberg. Irgendwann habe ich einen Freund in Bremen besucht, und wir wollten eine Landkommune aufmachen. Das hat nicht geklappt – geblieben bin ich trotzdem. Aber ich habe es auch direkt gut getroffen mit dem Viertel. Hier ist es schön ruhig, und die Weser ist direkt vor der Tür. Ist zwar nicht die Elbe, aber auch okay. Meine Tochter wohnt mittlerweile mit meinen Enkeln in Hamburg. Wenn ich also Sehnsucht nach Hamburg habe, fahre ich rüber.

Was war das Kurioseste, was du einmal während eines Auftritts erlebt hast?

Jonny Glut: Vor der Pandemie habe ich jedes Jahr auf Helgoland im Dünen-Restaurant gespielt. Da ist immer eine tolle Atmosphäre, und ich spiele ein akustisches Set. Während eines Auftritts vor ein paar Jahren ging mittendrin die Tür auf und es wurde ganz still. Der Mann, der reinkam, guckte mich nur an und sagte: „Weißt du, wo ich gerade herkomme, um dich zu hören? Aus Tschechien!“ Die ganze Geschichte hat er mir dann später erzählt. Er ist nämlich regelmäßig mit dem Auto von Bayern nach Tschechien gependelt und hörte immer den Bayerischen Rundfunk. Da wurden früher öfter meine Lieder gespielt. Das hat er gehört und wollte mich dann unbedingt mal live sehen. Er dachte, ich sei eine Riesennummer. Also kam er extra für meinen Auftritt von Tschechien nach Helgoland. Wir hatten einen wirklich schönen Abend.

Worauf können wir uns denn im neuen Jahr und in der nächsten Zeit noch von dir freuen?

Jonny Glut: Vor allem auf diesen Mix aus Geschichten und Musik. Meine aktuelle Platte „Montevideo – Die Schwankoper“ verbindet genau das. Das ist eher eine Lesung mit Musik. Dabei geht es um das Unterwegssein und was es bedeutet. Als das mit Corona losging, hatte ich mal wieder etwas Zeit, um zurück zu meinen Wurzeln zu kommen. Ich habe vom Senat eine Stipendienförderung für Künstler bekommen, und das hat das möglich gemacht.

Die nächsten Auftritte von Jonny Glut und weitere Infos gibt es auf seiner Website.

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Von Sarah Meyer

Als waschechtes Küstenkind liebe ich alles, was der Norden zu bieten hat. Vor einigen Jahren zog es mich von der Wurster Nordseeküste in die Hansestadt – und jetzt schlägt mein Herz für die Weser.

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