
Kutterpullen in Bremen: Gemeinsam im Takt auf der Weser
Die Betriebssportgruppe der Sparkasse Bremen verbindet sportliche Herausforderung und maritime Tradition
„Riemen bei!“ Noch liegen die langen Holzriemen quer über dem Boot. Dann folgt das nächste Kommando, der Kutter löst sich vom Anleger und nimmt Kurs auf die Weser. Zehn Menschen finden ihren Platz auf den schmalen Bänken, den sogenannten Duchten. Hinten steht Moritz am Steuer des Kutters „Sloman Hunter“. Er ist Steuermann der Kutterpull-Betriebssportgruppe der Sparkasse Bremen „Barkasse“ – und sorgt dafür, dass aus vielen einzelnen Bewegungen ein gemeinsamer Rhythmus wird.
Denn beim Kutterpullen zählt nicht allein die Kraft. Entscheidend ist, dass alle gleichzeitig handeln. „Alle müssen die Riemen zur selben Zeit ins Wasser tauchen. Sonst kommen wir nicht richtig voran“, erklärt Moritz. „Wir müssen wirklich komplett im Einklang sein.“
Vom Rettungsboot zum Betriebssport
Das Kutterpullen hat seine Wurzeln in der Seefahrt. Bevor Rettungsboote mit Motoren ausgestattet waren, wurden sie mit Muskelkraft bewegt. Trafen früher verschiedene Schiffsbesatzungen in einem Hafen aufeinander, entwickelten sich daraus mitunter spontane Wettkämpfe: Mannschaft gegen Mannschaft, Schiff gegen Schiff.
Auch die Seenotrettung gehört zur Geschichte des Sports. Rettungsleute fuhren einst in offenen Ruderbooten hinaus, um Menschen in Not zu helfen. Später hielten unter anderem die Marine und nautische Studiengänge die Tradition lebendig.

In Bremen entwickelte sich daraus nach und nach eine eigene Kutterpull-Szene. Neben Hochschulteams und maritim geprägten Gruppen sind heute auch Betriebssportgemeinschaften auf der Weser unterwegs.
Gepullt wird mit Riemen, nicht mit Rudern
Schon die Sprache zeigt, dass Kutterpullen etwas anders funktioniert als klassischer Rudersport. Im Kutter wird nicht gerudert, sondern gepullt. Und die langen Holzstangen heißen nicht Ruder, sondern Riemen.
Das Boot selbst ist deutlich größer und schwerer als ein gewöhnliches Ruderboot. Bewegt wird es trotzdem fast vollständig durch Muskelkraft. Zwar befindet sich zur Sicherheit ein kleiner Motor am Heck, zum Einsatz kam er beim Training bislang jedoch kaum.
Die übliche Route der Sparkassen-Sportgruppe führt von der Weserburg in Richtung Café Sand und Weserfähre. Was auf der Karte überschaubar wirkt, wird auf dem Wasser schnell zum anspruchsvollen Trainingsprogramm. Jeder zusätzliche Meter verlangt Kraft, Konzentration und einen sauberen Bewegungsablauf. „Es ist schon beeindruckend, so ein großes Boot nur mit Muskelkraft zu bewegen“, sagt Moritz. „Und es ist ein absoluter Teamsport.“
Zehn Pullende und eine Person, die steuert
In einem vollständig besetzten Kutter sitzen zehn Pullende – jeweils zwei auf einer der fünf Duchten. Hinzu kommt der Steuermann beziehungsweise die Steuerfrau. Für eine Trainingsfahrt kann die Gruppe auch kleiner sein. Weniger als sechs Personen sollten es jedoch nicht werden, denn dann lässt sich das schwere Boot kaum sinnvoll bewegen.
Die Riemen sind unterschiedlich lang und im Kutter der Betriebssportgruppe nummeriert. Im vorderen Bereich kommen kürzere Riemen zum Einsatz, weiter hinten werden sie länger. Viele Aktive sitzen dauerhaft auf derselben Seite und entwickeln dort ihre bevorzugte Technik.
Ob Backbord oder Steuerbord, entscheidet sich in Fahrtrichtung: Backbord liegt links und wird mit der Farbe Rot gekennzeichnet, Steuerbord liegt rechts und trägt Grün.

Der Takt kommt aus dem Boot
Bevor die ersten kräftigen Schläge gelingen, braucht es einen kleinen Nautik-Crashkurs. Der Körper geht weit nach vorn, der Riemen taucht ins Wasser, anschließend zieht sich die pullende Person mit dem Oberkörper zurück. Auch die Füße helfen dabei, Druck aufzubauen und den Körper wieder aufzurichten.
Mindestens ebenso wichtig ist der Blick auf die Person davor. Die sogenannten Schlagleute geben den Rhythmus vor, sie sitzen direkt vor der Person, die steuert. Nach deren ersten Kommando orientiert sich die Besatzung an ihrem Bewegungsablauf. Bei der Betriebssportgruppe der Sparkasse Bremen sind es zwei Schlagfrauen.
„Wenn der Riemen der Schlagperson ins Wasser geht, geht der eigene Riemen ebenfalls ins Wasser“, erklärt Moritz. „Das ist Übungssache. Am Anfang funktioniert das nicht immer sofort.“
Dass die Riemen dabei dicht hintereinander geführt werden, sorgt gelegentlich für humorvolle Momente. Auf die Frage, wie sich ein Stoß in den Rücken der vorderen Person verhindern lasse, antwortet Moritz trocken: „Gar nicht. Wenn die Person vor dir nicht weit genug nach vorn geht, kriegt sie den Riemen in den Rücken und muss eben aufpassen.“

„Halt Wasser“ ist die Bremse
Auf dem Wasser gelten klare Kommandos. „Riemen bei“ bedeutet, die Riemen aus dem Wasser zu nehmen und locker zu halten. Bei „Riemen auf“ werden sie vollständig angehoben – etwa beim Anlegen, damit sie sich nicht am Steg verkanten. „Riemen streichen“ bezeichnet das Rückwärtsfahren. Dabei werden die Riemen nach vorn gedrückt. Soll der Kutter auf der Stelle drehen, kann eine Seite streichen, während die andere weiterpullt.
Eine klassische Bremse besitzt der Kutter nicht. Stattdessen heißt es „Halt Wasser“. Dann werden die Riemen fest ins Wasser gehalten. Der Widerstand bremst das fahrende Boot ab. Und dann ist da noch „Warschau“. Mit der polnischen Hauptstadt hat das Kommando nichts zu tun. In der Seemannssprache bedeutet es so viel wie „Achtung“ oder „Pass auf“. Der Ausdruck ist vermutlich durch eine Mischung aus niederdeutschen und englischen Spracheinflüssen entstanden und lässt sich sinngemäß mit „watch out“ übersetzen.
Kraft allein bringt den Kutter nicht ins Ziel
Beim Training bewegt sich der Kutter mit einigen Kilometern pro Stunde über die Weser. Auf Geschwindigkeit kommt es dennoch an, denn die Betriebssportgruppe nimmt auch an Rennen teil. Ein sportlicher Höhepunkt sind die Bremer Stadtmeisterschaften im Kutterpullen. Sie finden 2026 Anfang September statt und werden vom Bremer Traditionsverein Lokomotive Pusdorf veranstaltet.
Dafür trainiert das Team nicht nur Ausdauer und Kraft. Ein gleichmäßiger Schlag, saubere Technik und die Abstimmung im Boot sind mindestens ebenso wichtig. Zieht eine Person zu früh, zu spät oder in einem anderen Winkel, stören sich die Riemen gegenseitig. Erst, wenn alle Bewegungen ineinandergreifen, gleitet der Kutter gleichmäßig durchs Wasser.
Der Wettbewerb ist offen aufgestellt. Bei den Stadtmeisterschaften gibt es eine gemeinsame Wertung, unabhängig vom Geschlecht der Teilnehmenden. Neben gemischten Gruppen treten auch reine Frauen- oder Männerteams an.

Gemeinschaftliches Vorankommen
Das gemeinsame Training auf der Weser bringt unterschiedliche Menschen zusammen. Im Boot zählt nicht, wer welche Aufgabe im Berufsalltag übernimmt. Entscheidend ist, dass die Besatzung aufeinander achtet, Verantwortung übernimmt und als Team handelt.
Gerade die direkte Rückmeldung macht den Reiz aus. Ist der Rhythmus gut, nimmt das Boot Fahrt auf. Fehlt die Abstimmung, wird jeder Schlag anstrengender. „Man behindert sich sonst gegenseitig“, sagt Moritz. „Wenn aber alle zusammenarbeiten, macht es einfach Spaß.“
Im Winter bekommt der Kutter Pflege statt Wellengang
Die Saison der Betriebssportgruppe dauert üblicherweise von April bis Oktober. Im Winter kommt der Kutter aus dem Wasser und wird in einer Halle in Habenhausen untergebracht. Eine wirkliche Pause bedeutet das allerdings nicht. Dann stehen Reinigung, Pflege und Reparaturen an. Der Kutter wird poliert, Holz wird geölt, die Riemen werden lackiert und der Unterwasserbereich erhält einen neuen Schutzanstrich. Kleinere Schäden werden ebenfalls ausgebessert.
Für den nächsten Winter ist ein größeres Programm vorgesehen: Der Rumpf soll abgeschliffen, repariert und anschließend neu lackiert werden. Denn auch abseits des Wassers bleibt Kutterpullen Teamarbeit. Sobald im Frühjahr die neue Saison beginnt, heißt es dann wieder: Fender einholen, Riemen raus – und gemeinsam im Takt über die Weser.
Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenspecials „Vereine in Bremen“. Sind Sie interessiert an mehr Artikeln dieser Art? Schauen Sie sich unsere Sammlung von Beiträgen rund ums Thema an.

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