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Ernährungswende im Quartier

Menschen zusammenbringen und Veränderung bewirken

In Gröpelingen läuft seit Dezember ein Modellprojekt, das später Impulse für ganz Bremen geben könnte: Unter dem Titel „Ernährungswende im Quartier“ baut die Volkshochschule West eine zentrale Anlaufstelle für gesunde, nachhaltige und sozial gerechte Ernährung im Stadtteil auf. Die Leiterin Haleh Soleymani und Projektkoordinatorin Gizem Dindar erklären im Interview, dass es dabei vor allen Dingen um Teilhabe, Vernetzung und den besseren Zugang zu frischen Lebensmitteln geht.


SPOT: Worum geht es bei dem Projekt „Ernährungswende im Quartier“?

soleymani dindar
Haleh Soleymani (links) ist die Leiterin der VHS West und gestaltet zusammen mit der Projektkoordinatorin Gizem Dindar die Aktion.

Haleh Soleymani: Das Projekt ist im Dezember 2025 offiziell gestartet. Ein wichtiger Schwerpunkt ist es, Netzwerke im Stadtteil zu stärken und Ressourcen zu bündeln. In Gröpelingen gibt es bereits viele Einrichtungen, die sich mit gesunder und nachhaltiger Ernährung beschäftigen oder Angebote dazu machen. Unser Ziel ist es, diese Akteurinnen und Akteure stärker miteinander zu verbinden, Bedarfe sichtbar zu machen und gemeinsam neue Angebote zu entwickeln.

Was bedeutet das konkret für den Stadtteil?

Gizem Dindar: Zunächst geht es darum, zu schauen: Welche Angebote gibt es schon? Welche Orte kommen infrage? Welche Einrichtungen haben Ressourcen, welche haben Bedarfe? Wir wollen das zusammenbringen. Es gibt zum Beispiel bereits Angebote im Nachbarschaftshaus Helene-Kaisen oder von anderen Einrichtungen im Stadtteil. Gleichzeitig entstehen durch das Projekt neue Kooperationen und Arbeitsgruppen.

Welche Themen stehen aktuell besonders im Fokus?

Gizem Dindar: Ein Schwerpunkt ist die Lebensmittelrettung. Dazu gibt es inzwischen eine Arbeitsgruppe. Gemeinsam mit Einrichtungen im Stadtteil planen wir, mehrere sogenannte Fair-Teiler im Bremer Westen einzurichten. Das sind öffentlich zugängliche Orte, an denen gerettete Lebensmittel kostenlos abgegeben und abgeholt werden können.

Wie funktioniert ein solcher Fair-Teiler?

Gizem Dindar: Die Idee basiert auf der Initiative Foodsharing Bremen. Engagierte retten Lebensmittel zum Beispiel bei Supermärkten, Bäckereien oder auf Wochenmärkten und bringen sie zu Verteilstationen. Dort können sich Menschen die Lebensmittel mitnehmen. In Bremen gibt es bereits mehrere solcher Stationen. Wir möchten nun dazu beitragen, dass auch im Bremer Westen weitere entstehen. Dafür braucht es allerdings organisatorische und logistische Vorarbeit.

Warum wurde Gröpelingen als Modellstadtteil ausgewählt?

Haleh Soleymani: Gröpelingen ist ein Stadtteil, in dem Armutslagen seit Jahren eine große Rolle spielen. Das wird unter anderem im Armuts- und Reichtumsbericht für das Land Bremen immer wieder deutlich. Gleichzeitig ist Gröpelingen ein sehr junger Stadtteil und ein Stadtteil mit großer Vielfalt. Bei einer Fachtagung zum Thema gesunde Ernährung in Gröpelingen wurde sehr deutlich, wie dringlich das Thema Ernährungsarmut ist – gerade auch aus Sicht von Einrichtungen, die mit Familien, Kitas und Schulen arbeiten.


„Wir möchten Ernährungsarmut sichtbarer machen.“


Was verstehen Sie unter Ernährungsarmut?

Haleh Soleymani: Ernährungsarmut hat viele Gesichter. Ein sehr konkretes Beispiel sind Kinder, die morgens in der Schule sitzen und sich nicht konzentrieren können, weil sie Hunger haben. Es kann aber auch bedeuten, dass zu Hause keine voll ausgestattete Küche vorhanden ist, sondern vielleicht nur eine Kochplatte. Oder dass Menschen aus Geldknappheit, Zeitdruck oder schwierigen Lebenslagen nicht regelmäßig und ausgewogen essen können.

gesunde ernährung
Eine ausgewogene Ernährung ist besonders wichtig für Kinder und Jugendliche.

Es geht also nicht nur um Wissen über gesunde Ernährung?

Haleh Soleymani: Nein, ganz ausdrücklich nicht. Wir wollen nicht losgehen und den Menschen erklären, wie gesunde Ernährung funktioniert. Das wäre der falsche Ansatz. Es geht vielmehr darum, Zugänge zu gesunden, frischen Lebensmitteln zu verbessern und Angebote so zu gestalten, dass sie wirklich zum Alltag der Menschen passen. Dabei ist wichtig, die vorhandene Ernährungsvielfalt im Stadtteil anzuerkennen und wertzuschätzen.

Welche Rolle spielt die Volkshochschule West dabei?

Haleh Soleymani: Als VHS haben wir vor allem die Erwachsenenbildung im Blick. In Gröpelingen spielt aber auch Familienbildung eine große Rolle. Deshalb arbeiten wir mit Einrichtungen zusammen, die unterschiedliche Zielgruppen erreichen – etwa Eltern, Nachbarschaften, Frauengruppen, Schulen, Kitas oder Quartierstreffs. Die Zielgruppen ergeben sich oft aus den Kooperationen im Stadtteil.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Haleh Soleymani: Wenn ein Quartierstreff in der Rostocker Straße mit uns über ein Kochangebot spricht, dann richtet sich dieses Angebot zunächst an die Bewohnerinnen und Bewohner dort. Wenn eine Schule sagt, sie möchte ein Urban-Gardening-Projekt entwickeln, können wir gemeinsam überlegen, wie daraus ein Angebot entsteht – etwa mit Kräutergarten, Gemüseanbau oder gemeinsamem Kochen. Das Projekt ist bewusst als Modellvorhaben angelegt. Wir schauen also: Was ist hier möglich? Was entsteht aus dem Stadtteil heraus?

Welche Bedeutung hat gemeinsames Kochen für das Projekt?

Gizem Dindar: Gemeinschaftliches Kochen ist ein sehr wichtiger Punkt. Es geht um Begegnung, Teilhabe und Austausch. Im Stadtteil wurde uns mehrfach zurückgemeldet, dass ein gemeinsamer Ort zum Kochen dringend gebraucht wird. Ein solcher Treffpunkt könnte Communities stärken, Begegnungen ermöglichen und Integration fördern. Das braucht allerdings Zeit, passende Räume und tragfähige Strukturen.

Was ist Ihnen bei dem Projekt besonders wichtig?

Gizem Dindar: Wir möchten Ernährungsarmut sichtbarer machen, ohne Menschen zu stigmatisieren. Es geht um soziale Teilhabe und um gleiche Augenhöhe. In Gröpelingen gibt es eine große Ernährungsdiversität und viele kulturell verankerte Ernährungskompetenzen. Dieses Wissen ist wertvoll. Wir wollen es nicht übergehen, sondern sichtbar machen und als gleichwertig anerkennen.

Haleh Soleymani: Wir wünschen uns, dass im Stadtteil mehr gemeinschaftliche Angebote rund um Kochen, Essen und gesunde Ernährung entstehen. Außerdem soll das Netzwerk der Einrichtungen stärker werden, sodass Angebote besser bekannt sind und Menschen leichter Zugang finden. Wenn am Ende sichtbar wird, wie viel Wissen, Engagement und Vielfalt es im Stadtteil bereits gibt, wäre das ein großer Erfolg.

Könnten die Ergebnisse später auch für andere Bremer Stadtteile wichtig werden?

Haleh Soleymani: Ja, genau das ist ein Ziel. Das Projekt wird vom Umweltressort gefördert und ist Teil des Aktionsplans Klimaschutz der Freien Hansestadt Bremen. Es steht im Zusammenhang mit Bremens zukünftiger Ernährungsstrategie. Was wir in Gröpelingen erproben, kann später auch Anregungen für andere Stadtteile liefern.

Wie können Interessierte mitmachen oder sich informieren?

Haleh Soleymani: Alle, die sich für das Projekt interessieren oder selbst etwas beitragen möchten, können sich gerne melden. Ansprechpartnerinnen sind Gizem Dindar, die Projektkoordinatorin, und ich. Erreichbar sind wir per E-Mail an ernaehrungswende.im.quartier@vhs-bremen.de und über die Internetseite der VHS West.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenspecials „Nachhaltigkeit“. Sind Sie interessiert an mehr Artikeln dieser Art? Schauen Sie sich unsere Sammlung von Beiträgen rund ums Thema an.

zum Themenspecial „Nachhaltigkeit“

Autorenbild Tjark Worthmann

Von Tjark Worthmann

Immer wieder darf ich tolle und spannende Menschen aus unser schönen Stadt kennenlernen! Lebenswert, lebensfroh und lebensnah: Bremen, ich liebe Dich :-)

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