
50 Jahre Aktionsgemeinschaft Arbeitsloser Bürger „agab“ in Bremen
Beratung, Solidarität und soziale Gerechtigkeit
Als der Verein Aktionsgemeinschaft Arbeitsloser Bürger („agab“) im Jahr 1976 gegründet wurde, war Erwerbslosigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung noch kaum ein Thema. Nach Jahren der Vollbeschäftigung stieg die Arbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren kontinuierlich an, wurde aber häufig als vorübergehende Erscheinung oder individuelles Problem betrachtet. Im Bremer Westen, geprägt von Industriearbeit und Arbeiterkultur, zeigte sich jedoch früh, dass sich die Arbeitswelt veränderte – und dass Erwerbslose Unterstützung, Informationen und eine gemeinsame Stimme brauchten.
Aus einem Bildungsurlaub (heute: Bildungszeit) heraus gründeten Betroffene damals den Verein. Es ging um Rechte, um gegenseitige Hilfe, um Freizeitgestaltung, um Unterstützung im Umgang mit Ämtern – und von Beginn an auch um Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. Arbeitslosigkeit sollte nicht länger als Einzelschicksal verstanden werden, sondern als gesellschaftliche Herausforderung.

Eine Stimme für Menschen ohne Lobby
„Besonders notwendig waren damals die Verbreitung von und der Zugang zu Informationen“, sagt Gitta Barufke vom „agab“-Team. Denn viele Regelungen waren für Betroffene kaum nachvollziehbar oder gar nicht öffentlich zugänglich. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die Sozialhilfebroschüre, die die „agab“ bereits 1978 veröffentlichte. Unter dem Titel „Informationen, die Sie vom Sozialamt selten hören“ wurde sie später als „die gelbe Broschüre“ bekannt – und für viele Menschen in Bremen zu einer wichtigen Orientierungshilfe.
Wissen zugänglich machen, bevor es das Internet gab
Heute wirkt es selbstverständlich, Informationen selbst zu suchen – online geht das schnell. In den 1970er- und 1980er-Jahren war das jedoch anders. Wer Sozialhilfe bezog, war stark davon abhängig, was Behörden erklärten – oder eben nicht erklärten. Vor der Hartz-IV-Reform im Jahr 2005 waren arbeitslose Menschen zudem in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt: etwa diejenigen, die Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bezogen, und diejenigen, die Sozialhilfe erhielten. Gerade im Bereich der Sozialhilfe gab es kommunale Regelungen, die sich je nach Wohnort stark unterscheiden konnten.
Für viele Betroffene bedeutete das: Rechte und Ansprüche blieben undurchsichtig. Die „agab“ setzte genau dort an. Die „gelbe Broschüre“ erklärte die Sozialhilfebedingungen in Bremen verständlich und wurde bis 2005 jährlich in einer Auflage von rund 3000 Stück verkauft. Damit wurde die „agab“ früh zu mehr als einem Treffpunkt. Sie wurde zu einer Stelle, die Wissen teilte, Rechte sichtbar machte und Menschen dabei unterstützte, selbstbewusster gegenüber Behörden aufzutreten.
Vom kollektiven Treffpunkt zur Fachstelle
In den ersten Jahren war die Arbeit der „agab“ stark kollektiv geprägt. Bezahlte und unbezahlte Arbeit griffen ineinander, viele Menschen engagierten sich politisch, ehrenamtlich oder aus eigener Betroffenheit heraus. In den 1980er-Jahren spielten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, kurz ABM, eine wichtige Rolle. Sie ermöglichten befristete Beschäftigung in vielen sozialen, kulturellen und gemeinnützigen Projekten – auch bei der „agab“.
„Es herrschte ein kollektives Selbstverständnis“, beschreibt Gitta Barufke diese Zeit. „Man arbeitete zusammen – egal, ob bezahlt oder unbezahlt.“ Die „agab“ beantragte früh zwei ABM-Stellen. Nachdem diese zunächst abgelehnt worden waren, wurden sie erfolgreich eingeklagt. So konnten erstmals zwei hauptamtlich Beschäftigte im Arbeitslosenzentrum arbeiten.
Professionalisierung mit sozialpolitischem Anspruch
Ab den 1990er-Jahren veränderten sich die Strukturen. Die „agab“ erhielt feste Stellen, wenn auch abhängig von Finanzierungszeiträumen. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen der Geldgeber. Aus dem kollektiv organisierten Zentrum entwickelte sich Schritt für Schritt eine professionelle Beratungs- und Fachstelle.
Diese Professionalisierung setzte sich in den 2000er-Jahren fort. Förderungen durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) brachten formale Anforderungen wie Qualitätsmanagement mit sich. Zugleich wurde die Beratung rechtlich komplexer, der Zulauf größer. 2003 eröffnete die „agab“ ein Beratungsangebot in Huchting, 2019 kam ein Standort im Schweizer Viertel hinzu.

Beratung, die den Einzelfall und das System sieht
Trotz aller Veränderungen ist ein Anspruch geblieben: Die „agab“ versteht Beratung nicht nur als Unterstützung im Einzelfall. Sie nimmt weiterhin die sozialpolitische Dimension in den Blick und mischt sich ein, wenn strukturelle Probleme sichtbar werden. Wie groß der Bedarf ist, zeigen die Zahlen: 2025 fanden knapp 5000 Beratungen statt. Häufig ging es um Probleme mit der Bearbeitungsdauer von Anträgen auf Bürgergeld (künftig: Neue Grundsicherung), um unverständliche Bescheide, Rückforderungen oder existenzielle Lücken, wenn Leistungen ausbleiben.
Misstrauenskultur als Dauerthema
Ein wiederkehrendes Thema ist aus Sicht der „agab“ eine Misstrauenskultur gegenüber Leistungsbeziehenden. Alltägliche Vorgänge, die für andere Menschen selbstverständlich sind, können bei Personen im Leistungsbezug zu Nachfragen, Verzögerungen oder falschen Anrechnungen führen. Wenn etwa mehrere Personen gemeinsam bestellen, eine Person zunächst bezahlt und die anderen ihren Anteil überweisen, können solche Rückzahlungen als Einkommen gewertet werden. Dann braucht es Erklärungen, Nachweise, Beharrlichkeit – manchmal auch ein Widerspruchsverfahren.
Besonders aufwendig ist die Beratung bei Menschen mit schwankendem Erwerbseinkommen. Das Jobcenter schätzt in solchen Fällen das Einkommen für die kommenden Monate und bewilligt Leistungen vorläufig. Später wird neu berechnet. Daraus entstehen nicht selten Rückforderungen, die schwer nachvollziehbar sind und fachlich genau geprüft werden müssen. „Diese Fälle erfordern sehr aufwendige, fast detektivische Recherche“, sagt Sabine Hummerich, die sich ebenfalls in der Beratungsstelle Walle engagiert. Selbst erfahrene Beratende stünden dabei immer wieder vor neuen Herausforderungen.
Hinzu kommen Menschen, die eigentlich Wohngeld beantragt haben, wegen langer Bearbeitungszeiten aber überbrückend Leistungen beim Jobcenter beantragen müssen. Viele Probleme entstehen also nicht, weil Menschen keine Ansprüche hätten, sondern weil Verfahren zu lange dauern, Schreiben schwer verständlich sind oder Zuständigkeiten unklar bleiben.

Wenn Digitalisierung neue Hürden schafft
Eine der größten aktuellen Herausforderungen sieht die „agab“ im wachsenden Beratungsbedarf. Digitalisierung, unverständliche Bescheide, schwer erreichbare Behörden und die Schließung niedrigschwelliger Anlaufstellen treffen besonders Menschen, die ohnehin unter Druck stehen.
Vor der Corona-Pandemie konnten viele Fragen noch im direkten Gespräch geklärt werden. Inzwischen werden Betroffene häufiger auf schriftliche oder digitale Wege verwiesen. Das verlängert Verfahren und erschwert den Zugang. Wer unsicher im Schriftverkehr ist, wer keine passende technische Ausstattung hat oder wer Behördensprache kaum versteht, braucht zusätzliche Unterstützung.
Dazu kommt eine gesellschaftliche Stimmung, die aus Sicht der „agab“ rauer geworden ist. Debatten über Sozialleistungen werden oft zugespitzt geführt. Das bleibt nicht folgenlos. „Der verschärfte und diffamierende Ton zeigt Wirkung“, sagt Anne Fassbinder (Beraterin in der Beratungsstelle Walle). Er trage dazu bei, dass Betroffene stärker unter Druck geraten – in der Öffentlichkeit, aber auch im Kontakt mit Behörden.
Existenzsicherung ist mehr als eine Zahlung
Die Folgen können gravierend sein: Wer wochen- oder monatelang ohne Leistungen dasteht, hat nicht nur ein finanzielles Problem. Es geht um Miete, Lebensmittel, Krankenversicherung und die Frage, ob der Alltag überhaupt noch zu bewältigen ist. Existenzielle Unsicherheit, Papierflut und das Gefühl, nicht gehört zu werden, können Menschen entmutigen und ihre Selbstwirksamkeit schwächen.
Nach dem Auslaufen der ESF-Finanzierung Mitte 2025 konnte für die drei Beratungsstellen eine Übergangsfinanzierung bis zum 31. Dezember 2026 gesichert werden. Für die tägliche Arbeit bedeutet das zunächst Stabilität. Gleichzeitig ist die Frage nach einer langfristigen Perspektive noch nicht endgültig beantwortet. Aktuell befindet sich die „agab“ in einem aufwendigen Antragsverfahren für die weitere Finanzierung. Das bindet Arbeitskapazitäten, die eigentlich in der Beratung gebraucht werden. Gleichzeitig gibt es positive Signale.
Der Wunsch des Teams ist klar: eine gesicherte, langfristige und ausreichende Finanzierung. Denn Beratungsarbeit braucht Verlässlichkeit – für die Mitarbeitenden ebenso wie für die Menschen, die Unterstützung suchen. Auch räumlich gibt es Ziele. Bis spätestens Ende 2029 möchte die „agab“ neue, barrierefreie, gut erreichbare und bezahlbare Räume im Bremer Westen finden. Damit würde sich ein Kreis schließen: Dort, wo der Verein vor 50 Jahren entstanden ist, bleibt der Bedarf an niedrigschwelliger Unterstützung und sozialer Teilhabe weiterhin sichtbar.
Sozialstaat als Fundament einer solidarischen Stadtgesellschaft
50 Jahre „agab“ erzählen nicht nur die Geschichte einer Beratungsstelle. Sie erzählen auch von gesellschaftlichen Veränderungen: vom Strukturwandel im Bremer Westen, von Arbeitslosigkeit als politischem Thema, von Sozialreformen, Förderlogiken, Digitalisierung und einer immer komplexer werdenden Behördenwelt. Geblieben ist die Grundidee, Menschen nicht allein zu lassen. Die „agab“ steht für Unterstützung im Einzelfall, aber auch für den Blick auf das Ganze. Beratung bedeutet hier nicht nur, Formulare zu prüfen oder Bescheide zu erklären. Es geht um Würde, Teilhabe und die Frage, wie eine Stadtgesellschaft mit Menschen umgeht, die Unterstützung brauchen.
Für die kommenden Jahre wünscht sich das „agab“-Team ein solidarisches und wertschätzendes Miteinander, sichere und auskömmliche Arbeitsplätze und mehr direkte Gespräche statt Urteile übereinander. Der Sozialstaat solle nicht als Last verstanden werden, sondern als Fundament einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft.
Alle weiteren Informationen gibt es auf der Website der Agab.

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