
App hilft neurodivergenten Menschen
Mit der KI-Assistentin ND-AI gegen kommunikatives Chaos
Ein volles Restaurant, Stimmengewirr, klirrende Gläser und Geräusche aus der Küche: Was für viele nach einem geselligen Abend klingt, kann für neurodivergente Menschen schnell zur Belastung werden. Die Bremer Designerin Bianca Holtschke kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung. „Wenn alle Gespräche anscheinend ungefiltert auf einen einprasseln, kostet Zuhören viel Energie“, sagt sie. Gemeinsam mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Softwareentwickler Timm Bölke hat sie deshalb die KI-Assistentin ND-AI entwickelt. Die Anwendung soll neurodivergenten Menschen Orientierung im kommunikativen Alltag geben – ohne ihre eigene Art verändern zu wollen, zu denken und zu kommunizieren.
Kommunikation kann zur täglichen Hürde werden

Neurodivergente Menschen, darunter Autistinnen und Autisten sowie Menschen mit ADHS, verarbeiten Informationen häufig anders als neurotypische Personen. In Gesprächen, E-Mails oder Besprechungen kann es deshalb schwierig sein, wichtige Aussagen schnell einzuordnen. Welche Information ist entscheidend? Erwartet das Gegenüber eine direkte Antwort? Könnte eine Formulierung missverstanden werden? Solche Fragen begleiten viele Alltagssituationen.
„Autismus bedeutet nicht, dass man weniger intelligent ist, sondern dass man die Welt anders verarbeitet“, betont Holtschke. Schwierigkeiten entstünden oft nicht durch fehlende Fähigkeiten, sondern durch Strukturen, die unterschiedliche Formen der Wahrnehmung und Kommunikation kaum berücksichtigen.
„Wir wollten ein Tool, das uns so lässt, wie wir sind“
Holtschke und Bölke sind selbst Autisten und kennen viele der beschriebenen Barrieren aus ihrem eigenen Leben. Beide berichten, sie hätten erlebt, wie viel Vorbereitung nötig sei, um an Situationen teilzunehmen, die für andere selbstverständlich sind.
Vorhandene digitale Schreibassistenzen passen aus ihrer Sicht nicht zu diesen Bedürfnissen. Sie würden Texte häufig glätten, höflicher formulieren und dabei genau jene Direktheit und Präzision entfernen, die manche neurodivergente Menschen benötigen. „Wir wollten ein Tool, das uns so lässt, wie wir sind – und trotzdem hilft, in einer Welt zu navigieren, die anders funktioniert als wir“, erklären die beiden.
ND-AI analysiert E-Mails und bereitet Gespräche vor
Die Abkürzung ND-AI steht für „Neurodiversity Artificial Intelligence“ (künstliche Intelligenz für Neurodiversität). Die Anwendung kann eingehende E-Mails analysieren und Hinweise dazu geben, was die schreibende Person vermutlich erreichen möchte oder wo Konfliktpotenzial liegen könnte. Beim Verfassen eigener Nachrichten zeigt die KI, welche Wirkung bestimmte Formulierungen wahrscheinlich haben. Dabei bleibt der persönliche Stil erhalten. „Wir wollen niemanden erziehen. Die Nutzenden sollen sich in dem Text wiederfinden und dabei sie selbst bleiben“, sagt Holtschke.
ND-AI unterstützt außerdem bei der Vorbereitung auf soziale Situationen. Die Anwendung hilft dabei, mögliche Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, relevante Themen und Rückzugsmöglichkeiten im Voraus zu strukturieren. Auch umfangreiche Aufgaben lassen sich mit der App in kleinere, leichter umsetzbare Schritte aufteilen.
Individuelle Unterstützung statt Standardlösung

Die KI-Assistentin richtet sich vor allem an autistische Erwachsene und Menschen mit ADHS. Sie soll nicht „normalisieren“, sondern zwischen unterschiedlichen Kommunikationsstilen vermitteln. Dafür arbeitet die Anwendung laut Holtschke mit einer eigenen Wissensdatenbank zum Thema Neurodiversität und berücksichtigt das persönliche Profil der jeweiligen Person.
Bei der Entwicklung brachte Holtschke ihre Erfahrung als Designerin und ihre Perspektive als Nutzerin ein. Bölke verantwortete die technische Architektur und passte das Sprachmodell an die Anforderungen des Projekts an. Unterstützt wurde das Team von der Hochschule für Künste Bremen und dem Bremer Hochschulnetzwerk Bridge. Beim „Campusideen“-Wettbewerb 2025 gewann ND-AI den erstmals vergebenen „Impact Award“.
Eine Bremer App wächst mit ihrer Gemeinschaft
Holtschke und Bölke nutzen ND-AI inzwischen selbst täglich. Gleichzeitig wird die Anwendung weiterentwickelt. Geplant sind unter anderem zusätzliche Funktionen für Terminplanung, Priorisierung und Kommunikation. Neue Ideen sollen direkt aus den Rückmeldungen der Nutzenden entstehen. So wächst in Bremen eine digitale Anwendung, die künstliche Intelligenz nicht zur Anpassung einsetzt, sondern dazu, Barrieren abzubauen und Verständigung zu erleichtern.

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