
Wenn Michelangelo ein Selfie macht
Vernissage am 29. Oktober 2026: Eine herrlich schräge Kunstreise mit dem Bremer Grafiker Frank Brunnée
Wie hätte die Kunstgeschichte wohl ausgesehen, wenn es digitale Tools schon immer gegeben hätte? Wenn bereits die alten Ägypter, Griechen oder die großen Meister der Renaissance oder der Moderne über Smartphones, Computer und KI verfügt hätten? Mit diesen Fragen hat sich der Bremer Grafikdesigner Frank Brunnée beschäftigt.
Entstanden ist ein fantasievoller und humorvoller Blick auf die Kunstgeschichte. Einige seiner 80 ungewöhnlichen Werke stellt Brunnée am Donnerstag, 29. Oktober 2026, in der Stadtteilfiliale Horn-Lehe vor. In einem Impulsvortrag teilt er mit einem Augenzwinkern seine Gedanken zu den Werken und gibt Einblicke in deren Entstehung.
Von der Handarbeit zur digitalen Gestaltung
Frank Brunnée kennt die Welt der Gestaltung noch aus einer Zeit, in der Computer keine Rolle spielten. Als klassisch ausgebildeter Druckvorlagenhersteller lernte er sein Handwerk von Grund auf – mit traditionellen Drucktechniken, Handsatz und Kalligrafie. Seit rund vier Jahrzehnten arbeitet er als Grafiker und hat in dieser Zeit zahlreiche technische Entwicklungen miterlebt und selbst initiiert. „Ich habe mich sehr früh mit der Digitalisierung beschäftigt“, erinnert er sich. „Mitte der 80er-Jahre habe ich bereits meinen ersten Mac gehabt für 17.000 D-Mark. Kaum zu glauben“, erzählt er schmunzelnd.

Doch nicht alle Veränderungen betrachtete er mit Begeisterung. „Ich habe mit der Zeit gemerkt, wie häufig das handwerkliche Können und die Bewertung gestalterischer Proportionen durch die Rechnernutzung in meinem Beruf den Bach runtergehen“, sagt er. Besonders stört ihn, dass viele Menschen digitale Technik nicht als Werkzeug nutzen, „sondern erst einmal den Rechner denken lassen, bevor sie sich selbst Gedanken machen“. Eine Entwicklung, die sich aus seiner Sicht mit dem Aufkommen Künstlicher Intelligenz noch verstärkt hat.
Gleichzeitig faszinieren ihn die kreativen Möglichkeiten digitaler Werkzeuge. Aus dieser Spannung zwischen traditionellem Handwerk und moderner Technologie entwickelte sich schließlich eine ungewöhnliche Idee. „Tue doch mal so, als sei jede Form von Digitalisierung schon immer auf der Welt gewesen“, beschreibt Brunnée seinen Gedanken aus dem Jahr 2023.
Eine Kunstgeschichte, die es so nie gegeben hat
Brunnée begann also, seine Gedanken künstlerisch umzusetzen. Von frühen Knochenschnitzereien über die ägyptische und griechische Antike bis zu den alten Meistern und der Moderne spielte er diese Idee durch und verband historische Bilderwelten mit Elementen unserer digitalisierten Gegenwart. Dabei entstanden Werke, die mit Erwartungen spielen, vertraute Motive überraschend verändern und den Blick auf die Kunstgeschichte verschieben.
Ein Beispiel ist seine Neuinterpretation einer Madonnendarstellung von Sandro Botticelli. Darin erhält die klassische Szene mit Maria und dem Jesuskind durch eine moderne Toniebox eine unerwartete Wendung. Plötzlich treffen religiöse Bildsprache und heutiger Familienalltag aufeinander. Das jahrhundertealte Motiv bekommt so eine völlig neue Bedeutung. Ernster geht es bei Sebastião Salgado zu: Seine Bilder der Goldmine von Serra Pelada werden im Buch zur Kritik am Online-Versandhandel und an der nur scheinbar reibungslosen Logistik, die oft auf gnadenlosen Arbeitsbedingungen beruht.
Kreativität entsteht nicht auf Knopfdruck
Für seine Werke kombiniert Brunnée klassische Gestaltungstechniken mit moderner Grafiksoftware und Künstlicher Intelligenz. Dabei bleibt die eigene gestalterische Arbeit für ihn entscheidend. „KI kann man nur nutzen, wenn man Handmade beherrscht“, lautet sein Motto. Denn auch digitale Werkzeuge liefern nicht automatisch überzeugende Ergebnisse.
Als er 2023 mit seinem Kunstprojekt begann, waren die Möglichkeiten der KI-Bildgenerierung noch deutlich eingeschränkter als heute. Häufig musste er mehrere generierte Bilder in Photoshop zusammenfügen, einzelne Elemente verändern und aufwendig nachbearbeiten, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Mit den heutigen Programmen ist das seltener nötig. Ganz ohne Bildbearbeitung kommen die Bilder aber auch aktuell nicht aus: Erst nach langem Feilen entsprechen die Bilder dem, was Brunnée von ihnen erwartet.
Seine Arbeiten zeigen damit auch, dass neue Technologien und traditionelle Fähigkeiten kein Widerspruch sein müssen. Vielmehr können sie sich gegenseitig ergänzen und neue künstlerische Ausdrucksformen ermöglichen. Entscheidend bleibt für Brunnée die kreative Idee des Menschen hinter dem Werk.
80 Kunstwerke voller Ironie, Satire und überraschender Perspektiven

Aus dem anfänglichen Experiment entwickelte sich schließlich ein umfangreiches Kunstprojekt. In dem satirischen Kunstband „Digitale Kunstgeschichte – Ein ironischer Blick auf Kunst und Technologie” versammelt Frank Brunnée 80 Werke, die eine Reise durch unterschiedliche Kunstepochen von der Steinzeit bis in die Gegenwart ermöglichen. Jedes Bild begleitet er mit eigenen Texten, die kunsthistorisches Wissen mit ironischen Kommentaren verbinden.
Nicht alles daran ist komisch. Aus den Texten spricht durchaus auch Satire, und manches ist ausdrücklich als Kritik an der Digitalisierung unserer Zeit gemeint: an der Dauererreichbarkeit, an der Überwachung, an der abgelenkten Aufmerksamkeit. Das Lachen darf dabei ruhig einmal im Hals steckenbleiben.
Dass seine Interpretationen nicht überall auf Zustimmung stoßen, nimmt Brunnée mit Humor. Im Interview berichtet er, dass manche Kunstinteressierte seine Veränderungen berühmter Werke durchaus kritisch sehen. Genau darin liegt aber auch der Reiz seines Ansatzes: Kunst darf irritieren, Fragen aufwerfen und zum Lachen oder Nachdenken bringen.
Neben seiner künstlerischen Arbeit ist Brunnée auch Gründer der Bremer Marketingagentur Brunnée Marketing. Seine langjährige Erfahrung im Grafikdesign und seine Begeisterung für technische Entwicklungen fließen gleichermaßen in das Projekt ein.
Vom Pinsel zum Pixel
Unter dem Titel „Werkzeuge im Wandel – vom Pinsel zum Pixel: Kunst bleibt“ lädt die Stadtteilfiliale Horn-Lehe der Sparkasse Bremen zu einer besonderen Begegnung mit dem Künstler ein. In einem kurzen Impulsvortrag erzählt Frank Brunnée, wie seine ungewöhnliche Kunstreise entstanden ist und welche Gedanken hinter seinen Arbeiten stecken. Anhand ausgewählter Werke, die als hochwertige Fine-Art-Prints zu sehen und in limitierter, signierter Auflage auch zu erwerben sind, erläutert Brunnée seine künstlerischen Ideen und lädt dazu ein, die Geschichte der Kunst einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 29. Oktober 2026, um 18.30 Uhr in der Stadtteilfiliale Horn-Lehe statt. Die Teilnahme ist kostenlos, eine vorherige Anmeldung ist erforderlich. Der Kunstband „Digitale Kunstgeschichte” ist während der Ausstellung erhältlich.

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