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Fluchtraum Bremen Beratungsgespräch mit einer jungen geflüchteten Frau.
Fluchtraum Bremen e.V.

Der Verein Fluchtraum Bremen engagiert sich auch während Corona

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Wie jugendliche Flüchtlinge in Bremen gut ankommen

Erwachsenwerden ist nicht einfach – für niemanden. Doch besonders hart haben es die jungen Geflüchteten, die allein, also ohne Mutter und Vater, nach Deutschland gekommen sind und sich nun auf eigene Faust in einem fremden Land durchschlagen müssen. Ihnen hilft der öffentlich geförderte Verein Fluchtraum Bremen e.V. – auch während der Pandemie.

Seit wann engagiert sich der Verein?

Den Verein gibt es bereits seit 2004. „Er wurde von engagierten Bremerinnen und Bremern gegründet, als besonders viele unbegleitete Minderjährige nach Deutschland kamen, für die per Gesetz ein Vormund bestellt werden musste“, erzählt die Leiterin von Fluchtraum Bremen e.V., Dagmar Koch-Zadi. „Und das Gründungsanliegen ist auch unser heutiges Ziel. Wir wollen den jungen Menschen, die nach einer sehr belastenden Flucht nach Bremen kommen, jemanden an die Seite stellen, der unterstützt, hilft und einfach für sie da ist.“ Deshalb vermittelt der Verein seit inzwischen 17 Jahren Ehrenamtliche, die – ergänzend zum staatlichen Hilfesystem – die jungen Menschen begleiten, eine Vormundschaft oder eine Mentorenschaft übernehmen.

Was machen die ehrenamtlichen Mentoren und Mentorinnen?

Sie fungieren als Begleitung im Alltag. „Sie sind die persönliche Ansprechperson jenseits der Behörden für die Jugendlichen“, erläutert Koch-Zadi. Sie hat neben ihrer Funktion als Leiterin schon mehrfach die Rolle einer Mentorin übernommen. „Die Ehrenamtlichen sind im Alltag präsent und versuchen, Anliegen und alle Fragen, die jungen Menschen haben, so gut es geht zu beantworten. Zudem zeigen sie ihnen unsere Stadt und wie man in Deutschland und insbesondere in Bremen lebt.“ Ob es um Hilfe bei Hausaufgaben und Deutschlernen, die Suche nach einem Praktikum oder einer Ausbildung geht – Mentorinnen und Mentoren sind für die jungen Menschen wichtige Ansprechpersonen und öffnen Türen in unsere Gesellschaft.

Erhalten die Jugendlichen auch nach ihrem 18. Geburtstag Überstützung?

„Ja“, sagt Dagmar Koch-Zadi. „Denn viele der jungen Menschen fallen aus der Jugendhilfe raus, wenn sie volljährig geworden sind. Dann stehen sie den Anforderungen des Erwachsenwerdens allein gegenüber – ohne Eltern, die weiterhin Hilfestellung geben können.“ Deswegen bräuchten sie Anlaufstellen, wo sie andere junge Menschen treffen können, Beratung und Unterstützung finden. „Genau dafür haben wir 2016 unser Beratungscafé für junge Geflüchtete im Jugendhaus Buchte geschaffen“, erzählt Dagmar Koch-Zadi voller Begeisterung.

Im Beratungscafé gibt es zudem einen Lerntreff, in dem Freiwillige beim Deutschlernen und den Hausaufgaben helfen. Dank mehrerer Sponsoringaktionen – unter anderem auch der Stadtteilinitiative der Sparkasse Bremen – konnte der Verein das Beratungscafé mit Laptops und Drucker ausstatten.

„Zweimal in der Woche findet unser Beratungscafé statt. Unsere hauptamtlichen Mitarbeitenden und circa 20 Freiwillige sind vor Ort. Sie helfen den Ratsuchenden beispielsweise dabei, Schreiben von der Behörde zu verstehen und zu beantworten“, erzählt Koch-Zadi. „Das Team im Beratungscafé übernimmt die Dinge dabei allerdings nicht für die Jugendlichen – sondern hilft ihnen dabei, diese selbstständig zu erledigen.“ Auf Wunsch vieler weiblicher Ratsuchender wurde im Oktober 2019 zudem ein separater, expliziter Mädchentreff auf die Beine gestellt. Hier treffen sich Mädchen und junge Frauen mit Fluchterfahrung. Sie können – unterstützt von einem weiblichen Beratungsteam – ihre Anliegen besprechen, Deutsch lernen und Hausaufgaben machen.

Fluchtraum Bremen e.V.: Eine Grupper Berater gibt jungen Geflüchteten im Beratungscafé Unterstützung bei der Ausfüllung von Formularen.
Im Beratungscafé werden junge Geflüchtete in vielen Belangen des Alltags unterstützt. Das Bild stammt aus dem Jahr 2018 – vor der Pandemie. Nachdem das Beratungscafé während Corona nur telefonisch und per E-Mail erreichbar war, sind mittlerweile persönliche Treffen per Termin möglich. Fluchtraum Bremen e.V.

Wie lief das Beratungscafé während Corona?

„Wir sind auch während der Pandemie immer erreichbar. Unser Motto war und ist ‚Solidarität mit Abstand‘!“, betont Dagmar Koch-Zadi. Die Angebote mussten während des Lockdowns im Frühjahr 2020 allerdings geschlossen werden. Seit der Wiedereröffnung im Juni 2020 gibt es ergänzend zu den Öffnungszeiten eine Beratung per Telefon, WhatsApp sowie E-Mail. Diese wird von den Ratsuchenden auch gut angenommen. „Mittlerweile können die Jugendlichen einen Termin für das Beratungs- und Mädchencafé vereinbaren und wie gewohnt persönlich kommen – natürlich mit Abstand und Maske.“

Das Schöne sei, so Dagmar Koch-Zadi, dass mittlerweile Jugendliche, die einst selbst vom Beratungscafé Gebrauch gemacht haben, nun selbst junge Migranten und Migrantinnen unterstützen und ihnen ihr eigenes Wissen weitergeben.

Was für besondere Projekte macht der Verein?

Fluchtraum Bremen e.V. führt laufend Projekte durch. Hierzu zählt beispielsweise seit November 2019 „Side by Side – Ehrenamtliche Lots*innen für die Übergangsbegleitung junger Geflüchteter“, das von der Aktion Mensch gefördert wird. Angedockt an das Beratungscafé bietet der Verein jungen Menschen auf Wunsch eine persönliche Begleitung zu Terminen an. Im Projekt sind circa 20 freiwillige Lotsinnen und Lotsen aktiv. „Sie gehen zum Beispiel mit ins Jobcenter, zu einer Wohnungsbesichtigung oder zu einem Arzt“, sagt Dagmar Koch-Zadi.

Kick-off-Meeting des Lotsenprojekts von Fluchtraum Bremen e.V.
Junge Menschen mit Fluchterfahrung bei Terminen begleiten und ihnen zur Seite stehen – das ist der Kern des Lotsenprogramms von Fluchtraum Bremen e.V. Der Startschuss fiel 2019. Fluchtraum Bremen e.V.

Wie kann ich mich engagieren?

Auch wenn die Zahl der nach Deutschland kommenden Geflüchteten gesunken ist, sucht Fluchtraum Bremen e.V. immer nach Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten – als Mentor oder Mentorin, im Beratungscafé, Mädchentreff und im Lotsenprogramm. Wer Interesse hat, kann sich bei dem Verein melden.

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Autorenbild Katharina Resmer

Von Katharina Resmer

In bin in Niedersachsen geboren, in Bremen-Nord aufgewachsen, habe in Hamburg zu mir selbst gefunden – und bin nun endlich wieder in der kleineren Hansestadt angekommen, um zu bleiben. Wandern, Fahrradfahren und Tagträumen – all das klappt ganz wunderbar in der neu-alten Heimat.

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