
Wielandstraße soll Klimastraße werden
Wenn die Nachbarschaft den Wandel vorantreibt
Die Wielandstraße im Bremer Viertel steht exemplarisch für viele urbane Räume: einst grüner, heute geprägt von versiegelten Flächen, parkenden Autos und zunehmender Sommerhitze. Doch hier hat sich vor einigen Jahren eine Nachbarschaft zusammengefunden, die genau das ändern will. Ihr Ziel: eine sogenannte Klimastraße – mit mehr Grün, besserem Regenwassermanagement und neuen Ideen für Mobilität und Energie. Was als spontanes Treffen begann, ist heute als Wieland>KlimaStraße ein durchdachtes Konzept mit politischer Unterstützung – und gleichzeitig ein tolles Projekt, das allerdings durch strukturelle Hürden ins Stocken geraten ist.
Die Klimastraße in der Wielandstraße zeigt, wie viel Potenzial in lokaler Initiative steckt: fundierte Planung, breite Unterstützung und konkrete Lösungen für die Herausforderungen des Klimawandels direkt vor der eigenen Haustür. Gleichzeitig wird deutlich, dass es neue Wege braucht, um dieses Engagement in die Umsetzung zu bringen.
„Irgendwann war die Straße plötzlich kahl – das hat viele gestört“

Im Gespräch erklärt Anwohner und Initiativenmitglied Andreas Bonnet, wie aus ersten Gesprächen konkrete Pläne wurden, warum die Umsetzung so schwierig ist und welche Vision dahintersteckt.
Wie ist die Initiative rund um die Klimastraße entstanden – und welche Rolle übernehmen Sie dort?
Andreas Bonnet: Ich habe eigentlich keine besondere Rolle. Das ist auch das Besondere: Wir sind bewusst als Gruppe organisiert, ohne feste Leitung. Entstanden ist das Ganze vor etwa vier Jahren, als immer mehr Bäume in der Wielandstraße verschwunden sind. Früher war es hier deutlich grüner, und irgendwann war die Straße plötzlich kahl – das hat viele gestört. Das war so der Auslöser. Gleichzeitig kamen Themen wie Klimaanpassung und Projekte wie „Erdwärme dich“ dazu. Da war schnell klar: Wenn schon Veränderungen anstehen, dann richtig – als umfassende Wieland>KlimaStraße.
Wie wurden aus dieser Idee konkrete Schritte?
Am Anfang stand ein offenes Treffen – ein Klima-Brunch. Über unsere Straßengruppe eingeladen, kamen überraschend viele Menschen. Ab da haben wir uns regelmäßig getroffen und Themen aufgeteilt: Begrünung, Regenwassermanagement, Verkehr, Energie. Wir haben uns viel Wissen selbst erarbeitet, recherchiert, mit anderen Projekten gesprochen und geschaut, was möglich ist. Irgendwann war klar: Wir brauchen ein Gesamtbild. Also haben wir intensiv versucht, die gesamte Nachbarschaft einzubeziehen.

Wie hat die Straße auf die Pläne reagiert?
Sehr positiv. Wir haben eine umfangreiche Umfrage gemacht – online und persönlich vor Ort. Rund 75 Prozent waren sogar bereit, Parkplätze zugunsten von Bäumen aufzugeben. Spannend war auch: Weniger als die Hälfte der Haushalte benötigt überhaupt einen Stellplatz auf der Straße. Entweder sie haben gar kein Auto oder parken in einer Garage. Die Straße wird eher von außen genutzt. Gleichzeitig gab es viele Ideen, etwa spezielle Parkflächen für Pflege- oder Handwerksdienste.
Wie ging es nach der Umfrage weiter?
Wir haben Workshops organisiert und die Straße im Modell nachgebaut – mit Häusern, Bäumen und möglichen Veränderungen. Daraus entstand eine klare Vorstellung. Mit Fördermitteln konnten wir dann ein Stadtplanungsbüro beauftragen. Die haben auf Basis unserer Ergebnisse fünf Szenarien entwickelt, wie die Wielandstraße künftig aussehen könnte – inklusive moderner Anforderungen wie großen Baumgruben und durchdachter Infrastruktur.
„Die Herausforderungen durch Hitze und Starkregen nehmen zu.“
Klingt nach einem durchdachten Projekt. Wo liegt aktuell die Herausforderung?
Die Unterstützung ist tatsächlich groß – politisch wie auch von Behörden. Alle finden die Idee gut. Das Problem ist ein ganz anderes: Es fehlen personelle Kapazitäten in der Verwaltung. Für die Umsetzung braucht es vor allem das Amt für Straßen und Verkehr. Dort fehlen leider schlicht Zeit und Personal, um das Projekt zu begleiten.

Gibt es trotzdem Fortschritte?
Ja, zumindest in kleinen Schritten. Es gibt aktuell Bestrebungen, wenigstens erste Baumpflanzungen umzusetzen – auch im Zusammenhang mit Ausgleichsmaßnahmen aus anderen Bauprojekten. Außerdem haben wir selbst schon zwei Bäume auf privaten Flächen gepflanzt. Und wir bleiben im Austausch mit Politik und Verwaltung, erinnern immer wieder an das Projekt. Von dort bekommen wir auch immer wieder Unterstützung, zuletzt erst wieder vom Ortsbeirat Östliche Vorstadt.
Was ist die langfristige Vision?
Es ging nie nur um die Wielandstraße. Wir verstehen uns als Pilotprojekt. Unser Ziel ist ein ganzes Klimaviertel. Deshalb haben wir auch einen Leitfaden erstellt, damit andere Straßen ähnliche Projekte starten können. Erste Gespräche mit anderen Nachbarschaften gibt es bereits.
Was müsste passieren, damit solche Initiativen schneller umgesetzt werden können?
Eine mögliche Lösung wäre eine Art Koordinationsstelle in einer der Behörden, die die Umsetzung solcher Projekte begleitet, rechtlich absichert und gemeinsam mit der jeweiligen Initiative vorantreibt. Dann könnte noch viel mehr Eigenleistung aus den Initiativen in die Umsetzung eingebracht werden, und das Amt für Straßen und Verkehr würde entlastet. So könnten viele Maßnahmen wie unsere Wieland>KlimaStraße deutlich schneller Realität werden. Denn klar ist: Die Herausforderungen durch Hitze und Starkregen nehmen zu. Die Konzepte liegen längst vor – jetzt geht es darum, sie auch umzusetzen.
Dieser Beitrag ist Teil unseres Themenspecials „Nachhaltigkeit“. Sind Sie interessiert an mehr Artikeln dieser Art? Schauen Sie sich unsere Sammlung von Beiträgen rund ums Thema an.

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