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Steffi Urban

Ein Herz für die Neustadt – Interview mit der Stadtteilmanagerin

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Astrid-Verena Dietze: Mobilitätswende, Stadtteilwirtschaft und Kultur sind Herausforderungen

Das Stadtteilmanagement in der Neustadt hat seit 2005 die Aufgabe, das Quartier weiterzuentwickeln und die Akteure und Akteurinnen vor Ort bei den Herausforderungen der Zukunft zu begleiten, zu unterstützen, zu fördern und zu vernetzen. Im Fokus stehen dabei die lokale Wirtschaft und die Kultur, aber auch die Anbindung zur Innenstadt sowie zu weiteren Quartieren. Im Interview berichtet Stadtteilmanagerin Astrid-Verena Dietze über die aktuelle Situation und Pläne für die Zukunft. Diese werden momentan auch in der Neustadt teils von der Corona-Krise mitbestimmt.


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Zur Person: Astrid-Verena Dietze ist gebürtige Neustädterin und seit 2015 Stadtteilmanagerin der Neustadt. Zuvor arbeitete sie als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in einer Unternehmensgruppe. Den Jobwechsel hat sie nie bereut. Und sie ist stolz darauf, zusammen mit den Akteurinnen und Akteuren vor Ort das Image der Neustadt verbessert zu haben, dass sie zum „Place To Be“ geworden ist. Ihr Herzensprojekt ist dabei unter anderem das „SummerSounds“-Festival. Steffi Urban

Was steht aktuell ganz oben auf der Agenda, wenn es um die Entwicklung der Neustadt geht?
Astrid-Verena Dietze:
Neben Corona sind das ganz klar die Themen Mobilitätswende sowie die Digitalisierung. Diese haben gerade in der Corona-Pandemie noch einmal an Bedeutung gewonnen – und richtig Schwung bekommen.

Betrachten wir speziell die Mobilitätswende. Was ist dort passiert und was muss weiter geschehen?
Erst einmal ist jetzt das Fahrradmodellquartier rund um die Hochschule Bremen fertiggestellt. Das haben wir gemeinsam mit dem Ortsbeirat und der Hochschule mit initiiert. Wir freuen uns sehr, dass das Mobilitätsressort des Senats dann die Antragstellung für das inzwischen mehrfach preisgekrönte Projekt übernommen hat. Gerade wurde noch abschließend das Fahrrad-Repair-Café Neusi‘s eröffnet. Von dort können wir weitere Projekte starten und ausführen – zum Beispiel die Liefergemeinschaften per Lastenfahrrad und ein Lastenradverleih für die Neustadt.


„Die Neustädterinnen und Neustädter und die Stadtteilwirtschaft wünschen sich verstärkt Lastenräder.“


Können Sie das Projekt näher erläutern?
Die Liefergemeinschaften waren erst einmal dafür gedacht, mit Lastenrädern während des Corona-Lockdowns die lokale Wirtschaft zu unterstützen. Es sollten damit kostenlose Warentransporte im Stadtteil übernommen werden. Bevor das Projekt gesichert war, durften die Händlerinnen und Händler sowie die Gastronomie wieder öffnen. Es gab eine große Solidarität in der Neustadt während des Lockdowns, die wirklich überwältigend war. Wir haben aufbauend darauf das Pilotprojekt „Gemeinsam für die Neustadt. Besser transportieren im Quartier“ starten können – in Kooperation mit Cycologic, dem Lastenrad-Sharing Neustadt. Dies läuft jetzt bereits seit Mai.

Zuvor hatten wir eine Umfrage zusammen mit den LogistikLotsen gestartet. Das Ergebnis: Die Neustädterinnen und Neustädter und die Stadtteilwirtschaft wünschen sich verstärkt Lastenräder. Es wäre also gut, wenn wir in diesem Bereich noch weitergehen.

Haben Sie dafür schon Pläne?
Gerade mit Blick auf das kommende Weihnachtsgeschäft werden Liefergemeinschaften weiter im Fokus stehen – und die Frage, wie wir als Stadtteilmanagement langfristig unterstützen können. Nach wie vor beschränken Corona-Auflagen die Händlerinnen und Händler. Das bedeutet Einschnitte für das Weihnachtsgeschäft. Es geht also darum, Lösungen zu finden, etwa eine gemeinsame Liefergemeinschaft zu organisieren und die Digitalisierungskompetenz zu unterstützen. Es gibt ab sofort zum Beispiel Lastenrad-Gutscheine für alle an dem Pilotprojekt Beteiligten, die diese dann an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben können, damit sie die Lastenräder leihen und ausprobieren können.


„Es darf nicht passieren, dass eine mögliche autofreie Innenstadt dazu führt, dass die Neustadt zum Park & Ride-Areal für die Innenstadt wird.“


Der Erfolg der Lastenräder steht und fällt aber auch langfristig mit der Infrastruktur …
Ja, diese muss natürlich nachgebessert werden. Hier im Fahrradquartier gibt es dafür bereits genug Platz auf der Straße. Aber auf einem engen Radweg zum Beispiel in der Friedrich-Ebert-Straße sieht das schon anders aus. Letztendlich kann man das aber nur in einem gesamtbremischen Konzept denken und umsetzen. Im Aktionsprogramm zur Steigerung der Aufenthaltsqualität in der Innenstadt ist dies zum Beispiel mit angedacht. Denn die Neustadt gehört zum erweiterten Bereich der City. Wir sind ein direkter Nachbarstadtteil. Alle unsere Querungen auf unserer Seite in die Innenstadt führen durch die Neustadt. Ich denke, dass dieses Aktionsprogramm ein gutes Signal ist, aber wir wünschen uns auch ein Programm für die Stadtteile.

Warum?
Wir glauben, dass den Stadtteilen eine höhere Bedeutung zukommen sollte. Gerade den an die City angrenzenden! Es darf nicht passieren, dass eine mögliche autofreie Innenstadt dazu führt, dass die Neustadt zum Park & Ride-Areal für die Innenstadt wird. Denn im Grunde hat das Quartier jetzt schon den Verkehrsgau.


„Größere Bauvorhaben sind mitzuberücksichtigen.“


Zu den wichtigen Verbindungen in die Innenstadt gehören Friedrich-Ebert-Straße und Langemarckstraße …
Genau. Und es gibt bereits diverse Überlegungen und Projekte. Zurzeit läuft ein größeres Verfahren zur Umgestaltung der Friedrich-Ebert-Straße, wo sich auch Bürgerinnen und Bürger einbringen konnten. Ich bin gespannt, wie das jetzt in Pläne umgesetzt werden kann. Aber das wird dann ja auch wieder öffentlich vorgestellt und diskutiert werden. Und natürlich gibt es noch weitere Stellen, wo Rad- und Fußwegeverbindungen verbessert werden können. Auch bei dem Umbau der sogenannten Stadtstrecke an der Kleinen Weser soll das berücksichtigt werden. Wichtig ist zudem, den Bereich Langemarckstraße in den Blick zu nehmen.

Eine Idee ist zum Beispiel der Rückbau der Straße inklusive der Bepflanzung mit Bäumen. Aber auch im Zuge dessen ist es sinnvoll, zu schauen, was zum Beispiel mit dem Sparkassen-Areal am Brill passiert – und natürlich sind die weiteren größeren Bauvorhaben mitzuberücksichtigen.

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Eine fahrradfreundliche Infrastruktur ist Grundvoraussetzung für die weitere Mobilitätswende in der Neustadt. Steffi Urban

„Wir konzentrieren uns lieber auf das Gemeinsame!“


An welche denken Sie dabei?
Es muss darum gehen, was am Mondelez-Gelände geplant ist – und natürlich um die Projekte Richtung Woltmershausen. Was passiert am Neustadtsbahnhof und was auf der jetzigen Brachfläche am Neustadtsgüterbahnhof? Und in nicht allzu weiter Ferne davon liegt das Tabakquartier. Richtung Woltmershausen geschieht der fließende Übergang jetzt schon. Viele aus der Kreativwirtschaft sind aus der Alten Schnapsfabrik in die Pusdorf-Studios gezogen. Ich finde, das ist eine wunderbare Achse. Und wenn das Tabakquartier sich weiter so lebendig entwickelt, dann wird die Achse auch dahin fließend sein. Denn es ist nicht von Belang, ob das die Neustadt oder Woltmershausen ist. Es geht darum, gemeinsam synergetisch zu denken und positive Entwicklungen anzustoßen.

Es gibt also keine Konkurrenz zwischen den Quartieren?
Nein. Wir arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen von der City Initiative zusammen, aus dem Viertel, aus Findorff und allen anderen Stadtteilen. Die Neustadt wird ja gern als der neue Hotspot Bremens gehandelt. Das mag ich gar nicht so. Viele unterstellen auch eine Konkurrenz zum Viertel. Dabei ist das gar nicht vergleichbar. Wir konzentrieren uns lieber auf das Gemeinsame! Die Neustadt ist der größte Stadtteil – quasi eine Stadt in der Stadt. Es gibt nicht die Neustadt, sondern acht ganz unterschiedliche Ortsteile. Die Anforderungen dort sind total verschieden.


„Wir müssen uns vermehrt mit Leerstand beschäftigen.“


Die Herausforderung für alle ist die Veränderung der Stadtzentren wie auch der Stadtteile. Was erwarten Sie für die Neustadt?
Im Moment ist es so, dass der inhabergeführte Einzelhandel im Stadtteil noch einen großen Vorteil hat gegenüber der Innenstadt mit seinen großen Filialen. Gründe sind der direkte Draht zu den Kundinnen und Kunden, guter Service und Individualität. Aber auch hier wird sich das Konsumverhalten ändern und damit die Quartiere. Wir rechnen damit, dass wir uns vermehrt mit Leerstand beschäftigen müssen, stärker als vorher. Um das zu verhindern, müssen wir langfristig die Stadtteilwirtschaft unterstützen.

Denn insbesondere mit den Herausforderungen durch die Corona-Pandemie müssen wir uns fragen: Wie sieht das Quartier im Frühjahr aus? Um etwa der Gastronomie zu helfen, gilt es, auch über den Winter mehr Außenbereiche zu schaffen, damit die Lokale Umsatz machen können.


„Es gibt eine solidarische Identifikation im Stadtteil.“


Drohender Leerstand auf der einen Seite, andererseits besteht der bundesweite Trend, dass es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Es fehlt also an Wohnraum. Gleichzeitig schrumpft der Platz für Kultur …
Richtig. Für Kunst und Kultur braucht es Raum. Den hatte die Neustadt in der Vergangenheit noch, aber langsam wird es knapp. Doch es gibt viele positive Beispiele. Aktuell steht ein Autohaus in der Kornstraße leer. Dort gibt es jetzt eine Initiative, die das temporär bespielen möchte. Neu- und um die Ecke denken, dass wünsche ich mir auch zukünftig. Wir werden das weiter unterstützen. Es sind dabei stetig kreative Ideen gefragt. Nur so konnte es auch trotz Corona eine kleine Ausgabe unseres „SummerSounds“-Festival stattfinden – im Rahmen des „Kultursommer Summarum“ mit 300 Kleinstveranstaltungen. Das hat so erfolgreich funktioniert, weil die Kulturakteurinnen und Akteure in der Neustadt und Bremen so gut vernetzt sind und es eine hohe solidarische Identifikation mit dem Stadtteil gibt.


„Unsere Hauptaufgaben: kommunizieren und vernetzen.“


Mit welchen Projekten wird es in diesem Sinne weitergehen?
Noch läuft das Projekt „KuNSt – Kultur und Nachhaltigkeit im Stadtteil. Wir haben bereits ein neues Projekt konzipiert und uns für eine Förderung beworben. Es soll mit diversen Aktionen darum gehen, Städte nachhaltig zu entwickeln und Krisen zu meistern. Dazu haben wir viele Projektideen. Und unsere Hauptaufgaben werden auch künftig sein: kommunizieren, vernetzen und Kooperationen im Quartier herstellen. Denn das ist das Backpulver für eine positive Entwicklung.

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Autorenbild Steffi Urban

Von Steffi Urban

Vom Harz in die Hansestadt: Inzwischen lebe ich seit mehr als zehn Jahren in Bremen und entdecke mit Kamera und Klapprad immer noch tolle neue Ecken.

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