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Senioreneinrichtungen in der Corona-Krise – Erfahrungen der Bremer Convivo Unternehmensgruppe

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Ein Gespräch über Herausforderungen, Lehren und zukünftige Modelle

Die Corona-Pandemie hat speziell Senioreneinrichtungen und die ambulante Pflege von älteren Menschen vor immense Herausforderungen gestellt, weil diese besonders stark gefährdet sind. Wir sprachen mit Timm Klöpper, Geschäftsführer von Convivo, über die Lehren aus dieser Zeit und die Zukunft der Betreuung von Seniorinnen und Senioren. Die Bremer Unternehmensgruppe hat ihren Schwerpunkt im Pflegesegment und setzt auf vielfältige Wohnformen im Alter.

Seniorenbetreuung Corona-krise
Timm Klöpper ist Geschäftsführer der Bremer Convivo Unternehmensgruppe. Convivo

Herr Klöpper, schildern Sie bitte die konkreten Herausforderungen der vergangenen Monate vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie.
Timm Klöpper: Auch uns hat die Pandemie ab Mitte März sehr stark in Beschlag genommen. Wir haben gleich einen Krisenstab gegründet, der sich anfangs täglich getroffen hat. Noch heute treffen wir uns zweimal in der Woche. Teilweise wurde rund um die Uhr an Lösungen gearbeitet, um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unsere Kundinnen und Kunden zu schützen. Dazu gehörte natürlich auch die Beschaffung von entsprechenden Schutzmaterialien. Das Schwierige war und ist zudem, die ganzen unterschiedlichen föderalen Vorgaben für unsere bundesweiten Einrichtungen aufzubereiten.


„Über eine zentrale Steuerung nachdenken.“


Was meinen Sie damit genau?
Es geht stetig darum, den Überblick zu bekommen, in welchem Bundesland und welchem Landkreis welche Verordnungen, welche Besuchsrechte und -verbote gelten. Das fordert uns nach wie vor sehr stark. Ich würde mir wünschen, dass wir als Staat lernen, in Zukunft in solchen Extremsituationen über eine zentralere Steuerung nachzudenken. Hier sollten Institutionen wie die Berufsgenossenschaft und das Robert-Koch-Institut einheitlich zusammen mit einem bundesweiten Krisenstab eine klare Linie vorgeben. Und auch grundsätzlich bin ich bei Themen wie Pflegeentgelten und Personalschlüsseln ein Fürsprecher einheitlicher Lösungen, wobei föderale Strukturen natürlich in anderen Bereichen auch ihre Vorteile haben.

Wenn Sie ein erstes Fazit ziehen: Wie hat die Convivo Unternehmensgruppe bisher die Pandemie-Auswirkungen gemeistert?
Da klopfe ich auf Holz: Nach dem aktuellen Stand sind wir bisher sehr gut durch die Pandemie gekommen. Wir begleiten circa 9000 Menschen, 4500 Mitarbeitende und auch ungefähr so viele zu betreuende Menschen. Unsere Operative hat eine tolle Arbeit geleistet, bei allen Herausforderungen, die sich bis heute stellen. Dafür kann ich mich nicht oft genug bedanken und meine Anerkennung an die Kolleginnen und Kollegen aussprechen.


„Die Aufwertung des Berufes ist nicht nur eine Frage des Geldes.“


Kann man aus der Pandemie-Situation für die Pflege bereits erste Lehren für die Zukunft ziehen – neben der Forderung nach einheitlichen Vorgaben abseits der föderalen Strukturen?
Ich habe schon weit vor der Pandemie angeprangert, dass wir – besonders auch in Bremen – mit den schlechtesten Schlüssel für hauswirtschaftliches Personal haben. Das betrifft die stationäre Pflege in Bremen. Das ist aus meiner Sicht nicht hinnehmbar. Hier möchten wir eine positive Veränderung für die Kolleginnen und Kollegen erwirken. Beispielsweise hatte sich das Pflegestärkungsgesetz zum Ziel gesetzt, bis Ende Juni 2020 einen einheitlichen Pflegeschlüssel in Deutschland für die ambulante und stationäre Pflege zu schaffen. Davon sind wir noch entfernt. Darüber hinaus gehört aber auch dazu, dass das Berufsbild von Pflegefachkräften massiv aufgewertet wird. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Wie kann diese Aufwertung aussehen?
Dafür reicht es perspektivisch nicht, eine einmalige Prämie von 1500 Euro wie jetzt in der Pandemie auszuzahlen. Denn klar ist, dass wir gut ausgebildete Fachkräfte in der Pflege brauchen. Generell müssen Pflegekräfte entsprechend bezahlt werden. Hier wurde in den vergangenen Jahren finanziell bereits deutlich aufgestockt. Wir zahlen beispielsweise seit Langem spürbar mehr als den Mindestlohn. Aber die Aufwertung des Berufes ist nicht nur eine Frage des Geldes.

Das Problem ist die Attraktivität der Arbeit. Der Tenor ist sehr häufig, dass die physische und psychische Belastung in der Pflege sehr hoch ist. Hier muss mit einer bundesweiten, inhaltlichen wie nachhaltigen Kampagne gegengesteuert werden – mit allen Trägern: kirchlichen, privaten, kommunalen sowie Wohlfahrtsverbänden. Zur Entlastung trägt auch die Digitalisierung in dem Beruf bei. Dabei geht es nicht darum, die Dienstleistung in der Pflege überwiegend zu digitalisieren, denn wir arbeiten mit Menschen. Aber neue Technik kann unterstützen und entlasten.


„Gerade jetzt in der Pandemie-Zeit über Belastungssymptome austauschen.“


Setzen Sie in der Convivo Unternehmensgruppe bereits eine Aufwertung des Berufs um?
Ja. In Sachen Digitalisierung haben wir bereits Stellen geschaffen, die sich mit dem Thema befassen. Und wir haben vor einigen Jahren eine Plattform gegründet, die sich „Campus by Convivo“ nennt. Auf dieser geht es gesondert um die Themen Unternehmenskultur, Ethik und dabei sehr speziell um die Bereiche Personalmanagement und -entwicklung. Das beinhaltet zum Beispiel auch ein nachhaltiges, betriebliches Gesundheitsmanagement. Dazu gehören etwa Vergünstigungen für Sporteinrichtungen. Darüber hinaus haben wir einen Bereich um Dr. Heiner Friesacher, der den Wissenschafts-Praxis-Transfer übernimmt.

Ein anderes Thema des Bereichs ist die Kinästhetik, die sich mit der Bewegungsaktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch der Angestellten beschäftigt. Und ganz wichtig ist uns, dass wir eine Psychologin im Unternehmen haben, bei der sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade jetzt in der Pandemie-Zeit anonym melden und über Belastungssymptome austauschen.

Aufstiegsmöglichkeiten sind ebenfalls ein positives Kriterium, richtig?
Genau! Auch mit unseren sehr unterschiedlichen Leistungsangeboten von der ambulanten bis zur stationären Pflege sowie Möglichkeiten des Karrieremanagements wollen wir uns als Arbeitgeberin attraktiv machen. Es gibt kaum einen Beruf, in dem man so schnell aufsteigen kann wie als Pflegefachkraft – nicht nur gehaltsmäßig, sondern auch in der Verantwortung, zum Beispiel als Pflegedienstleitung. Zudem gibt es zahlreiche Varianten, sich zu spezialisieren. Diese Karrieremöglichkeiten bieten wir all unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit unserem umfangreichen Fortbildungsprogramm an.


„Wichtig ist eine individualisierte Pflege.“


Zum Abschluss ein genereller Blick in die Zukunft: Was braucht es für eine ideale Betreuung von pflegebedürftigen Seniorinnen und Senioren aus Ihrer Sicht?
Das wird kontrovers diskutiert. Meiner Meinung nach brauchen wir beides: also stationäre und ambulante Angebote. Wichtig sollte dabei sein, dass es um eine individualisierte Pflege geht. Das ist bereits heute unser Ziel. Menschen sollen möglichst lange oder für immer selbstbestimmt leben können. Das bedeutet auch, sie bekommen nur die Pflege und Unterstützung, die sie brauchen und möchten.

Zum Hintergrund: Das Modell der stationären Pflege, das 1993 entstanden ist, sieht eine Gleichbehandlung vor. Lediglich über die Pflegegrade gibt es eine unterschiedliche Behandlung. Das reicht für eine gezielte, individuelle Betreuung jedoch nicht aus. Eine Mischung von ambulanten und stationären Wohnformen, die Convivo bereits anbietet, kann hierbei sehr hilfreich sein. Zusammengefasst sollten die zwei Ziele der Pflegelandschaft in Deutschland sein, das Personal einerseits spürbar zu entlasten und andererseits die Betreuten vollumfänglich zufriedenzustellen und individuell gut zu versorgen.

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Autorenbild Steffi Urban

Von Steffi Urban

Vom Harz in die Hansestadt: Inzwischen lebe ich seit mehr als zehn Jahren in Bremen und entdecke mit Kamera und Klapprad immer noch tolle neue Ecken.

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